Notizen

Paris, Mai 1960

Nirgends habe ich die weite Ausstrahlung räumlicher Kunstwerke stärker erlebt als in den Champs Elysées. Es gibt keine Stelle auf dieser langen Strasse, wo man sich nicht eingespannt fühlte zwischen dem Triumphbogen und den Obelisken. Wo man auch steht, ist man geortet, und das Gefühl der Verlorenheit kann hier nicht aufkommen. Um sich des Gefühls der Geortetheit voll bewusst zu werden, braucht man nur einige Meter in den Kanal einer Querstrasse hineinzugehen: man wird fortgeschwemmt wie ein Papierkrüngel auf raschen Wellen. Man hat weder Beginn noch Ziel und braucht alle Kraft, um sich im Gewimmel zu behaupten, denn man hat die Ordnung eines räumlich gewaltigen Kunstwerkes verlassen.

Warum wird bei grossen Ausstellungen, zum Beispiel im Musée d’Art moderne, für die Abteilung der Bildhauerei kein Eintritt erhoben? Weil sich die meisten Menschen nur für die Malerei interessieren. Lässt sich diese leichter nur dekorativ anstatt seinsmässig interpretieren?

Im Centre Richelieu stellte ich mich einem Leiter vor als Bildhauer aus der Schweiz. Daraufhin forderte er mich auf, in seine Bibliothek zu kommen. Dort holte er einen grossformatigen Band vom Gestell, suchte darin ein Bild und zeigte mir dann eine ganzseitige Aufnahme von meinem grossen Kruzifixus in Zug mit der Bemerkung, dies sei ihm seine liebste Christus-Darstellung, er habe das gleiche Bild in seinem Studierzimmer aufgehängt. So war die Begegnung für ihn wie für mich eine schöne Überraschung. (Vgl. Stans 1941)