Notizen

Berlin, Dezember 1930

Heute erschien Gerstel mit einem schwarzen Faden in der Hand zur Korrektur. F. wollte sich am letzten Mittwoch nicht belehren lassen und beharrte auf der objektiven Richtigkeit seiner Sehweise. Schade, er hat sich mit seinem guten, aber etwas schwerfälligen Lehrer überworfen. Auch A. hat revoltiert, aber immerhin nicht auf der Richtigkeit, d.h. der Objektivität seiner Sehweise beharrt, sondern nur gefordert, als Künstler sehen zu dürfen, wie immer es ihm beliebte. Gerstel hat ihm das voll zugebilligt, aber seinen Standpunkt als Lehrer verteidigt, den Schülern nicht eine beliebige Kunstauffassung beibringen zu wollen. Der Unterricht am Modell sei dazu da, objektiv, d.h. naiv sehen zu lernen und am lebenden Modell das Organische der Form zu demonstrieren. Gerstel legte dann seinen Faden dem Modell in allen Richtungen, besonders in horizontalen und schiefen Lagen, über die Haut und liess uns von oben und unten den Ablauf der Flächen im Raum kontrollieren. Noch nie habe ich so klar begriffen, wie einfach und zugleich wie reich die Natur von innen heraus wächst.

Berlin, Dezember 1930

Irgendwo geht am lebenden Modell jede Form an einer Stelle nahtlos in eine andere über, mag sie zuerst noch so isoliert scheinen. Vielleicht ist das auch für den Künstler ein Fingerzeig.