Notizen

Marokko, April 1960

Die ganze Landschaft ist wie ein gewaltiges, farbiges Relief. Die Erde ist nicht nur völlig enthüllt, sondern auch enthäutet. Innerhalb weniger hundert Meter treten die verschiedenfarbigsten Gesteinsschichten zutage: schwarzblaue, ockergelbe, weisse, rote, blaugraue, violette in magischen Farben. Mir ist, als sei die Erde überall wund und als freute ich mich an der Schönheit ihrer Wunden. Zuhause ist die Erde wie verkleidet, und ein direkter Kontakt ist kaum möglich, es sei denn in den Felsen unserer Berge.

Arlesheim, Mai 1960

Mit der „Glockenkommission“ von R. in H. in der schönen Stube mit den antiken Möbeln und Teppichen des Glockengiessers haben wir uns wie sich gegenseitig prüfende Katzen umkreist. Allem Anschein nach hat er mit Künstlern schon allerhand erfahren. Aber ich auch mit Glockengiessern. Glücklicherweise bin auch ich kein Neuling und kenne ihre Befürchtungen. Am liebsten wäre es ihnen, man würde die Glockenzier machen wie die meisten anderen und wie sie selber, d.h. man würde die verschiedenen Figürchen und Motive in Gips bringen. Sie würden diese in Wachs abgiessen und dann im passenden Moment auf die falsche Glocke kleben. Bis heute habe ich aber noch immer den mir durch die Fabrikation vorgeschriebenen Termin aufs genaueste eingehalten, ohne mit meiner Technik, die Zier direkt auf die falsche Glocke zu modellieren, den Fortgang des Arbeitsprozesses zu stören.

Im Grunde gibt es auch gar keine andere verantwortbare Arbeitsweise, als zu Hause eine grosse Anzahl von Möglichkeiten und Details zu studieren und dann vor der Glockenform selber gemäss dem Volumen und der Rundung die Zier zu modellieren. Allerdings muss diese Arbeit an einem Tag, längstens aber innerhalb von zwei Tagen geleistet werden, soll die isolierende Fettschicht nicht eintrocknen. Als gute, unsere Interessen gegenseitig verstehende Freunde haben wir uns später getrennt.