Notizen

Aus einem Brief 1963

Sie fordern für das gültige Kunstwerk neben der Notwendigkeit und Unmittelbarkeit auch „die Geburt und die Verwirklichung aus der Vision“. Diese Forderung könnte aber leicht die häufig irrige Vorstellung über die Entstehung des Kunstwerkes fördern, als ob der Künstler beim Arbeiten gleichsam seine eigene Vision kopieren würde. Solches Tun wäre ein fragwürdiges und langweiliges Unterfangen. Dies würde auch aller erregenden Sensationen entbehren, die den Künstler überhaupt erst die mühevolle Arbeit auf sich nehmen lässt. Eine erklärende Bestimmung des Begriffes Vision scheint mir notwendig, weil diese nicht als fertige Schau oder als Vorbild gefasst werden darf, sondern allenfalls als ein intuitiv beschwingtes Schaffen, im Gegensatz zu einem intellektuellen Tun.

Die Begriffe Geburt und Verwirklichung betreffen unmittelbar die Entstehung, das Werden des Kunstwerks. Der dritte Begriff, die Vision, ist etwas Vorgegebenes, Vorausgesetztes, gleichsam die Mutterschaft. Im erwähnten Zusammenhang könnte Vision verstanden werden als das zeitlich Erste. Im wirklich künstlerischen Schaffensprozess aber ist die Vision zeitlich das Letzte. Die Geburt einer Formidee (was notwendig die Formwerdung einer Idee einschliesst) und deren „Verwirklichung“ schaffen erst diese Vision, die dann am Schluss sich voll entfaltet hat und so möglicherweise über das Werk hinauswächst.

Der Begriff der Geburt aber ist für das Werden des Kunstwerkes sehr treffend, indem gleichsam nur ein kleines Geschöpf geboren wird, dessen immanente Potenzen Stück für Stück verwirklicht werden, bis das Vollbild, die Vision entfaltet ist. [Vergleiche dazu: Leopold Ziegler, Apollons letzte Epiphanie.]