Notizen

In Albert Schilling, Sakrale Kunst Band 8, 1966, NZN Buchverlag, Zürich, Seiten 18 – 37

Berlin, Oktober 1930

Irdische und himmlische Liebe? Ich habe nur eine Sorte, aber die Objekte sind verschieden.
Akademische und industrielle Forschung? Ich meine mit L. Pasteur: „Il n’y a pas des sciences appliquées, il y a seulement des applications de la science.“ Freie und angewandte Kunst? Sind nicht die schönsten griechischen Zeichnungen auf Handspiegeln und von den besten Reliefs auf Altären?

Berlin, November 1930

Seit fünf Wochen arbeiten wir bei Gerstel an der gleichen Porträtplastik nach dem Modell eines reichlich flegelhaften Sechzehnjährigen. Zwar trifft er rechtzeitig um neun Uhr in der Akademie ein, und bis zehn Uhr, oft noch länger, bin ich gewöhnlich der einzige in der Klasse und kann das Modell nach meinen eigenen Bedürfnissen auf der Drehscheibe wenden. Fünf Wochen zu täglich vier Stunden macht 120 Stunden! Heute ist, wie jeden Mittwoch und Samstag, Korrektur. Immer muss man die gleiche Erfahrung machen und sich von Gerstel beweisen lassen, dass man wieder nicht fähig war, naiv, d.h. objektiv richtig zu sehen. Immer wieder fällt man auf den eigenen Intellekt herein und modelliert so, wie man denkt, dass die Dinge sein müssen, nicht so, wie sie wirklich sind. Die Kritik pendelt ständig zwischen den beiden Aussprüchen: Die Natur ist unendlich viel reicher. Und am nächsten Samstag: Die Natur ist unendlich viel einfacher. So geht es Woche um Woche.