Notizen

Stans, Mai 1940

Es gehört zu den Errungenschaften der Kunst unserer Zeit, dass sie uns gelehrt hat, in einfachen, unkomplizierten Formen Dinge zu sehen, die keinen literarischen Inhalt, wohl aber skulpturalen Gehalt haben. So wird es unmöglich, Form mit Inhalt zu verwechseln. Schon Rodin hat sich intensiv um diese Dinge bemüht. Man hat die verschiedensten Gründe angeführt, warum er aus manchen Werken Torsen gemacht habe; vor allem hat man es malerischen Tendenzen zuschreiben wollen. Dabei war es wohl einzig das durchbrechende Bedürfnis, in einer malerischen, literarischen Epoche statt Literatur wirkliche Skulptur zu machen und die Menschen zu zwingen, nur noch diese zu erleben. Adolf von Hildebrand ist nicht unschuldig daran, dass man in Deutschland die Grösse Rodins kaum erkannt hat. Der Bildhauer Karl Burckhardt hat mit seinem Buch „Rodin und das plastische Problem“ die Situation klarer gesehen als die meisten deutschen Kunsthistoriker.

Stans, Juni 1940

Unserer Zeit blieb eine der grössten Errungenschaften der Skulptur vorbehalten: die gleichwertige Durchformung des konvexen Volumens und des konkaven Raumes. Es ist dies ein Produkt aus der Erkenntnis, dass Raum und Volumen Korrelate sind: je dichter das Volumen ist, umso dichter muss auch der dieses umgebende Raum werden und umgekehrt. Nur die Ablösung vom naturgegebenen Vorbild gab die Freiheit, Volumen und Raum nach eigengesetzlichen Bedürfnissen zu organisieren. Aber auch bei der figürlichen Komposition gewann der Künstler die Freiheit, formale Forderungen über die naturalistische Richtigkeit zu stellen. Der Satz vom Menschen als dem Mass aller Dinge ist für seine körperliche Figur am wenigsten am Platz, denken wir nur an die plastisch fragwürdige Folge der Volumina von Torso-Arm-Finger.