Notizen

Aus einem Brief

In der ersten Ästhetik-Stunde im Maturajahr erhielten wir für einen Aufsatz das Thema: L’art pour l’art. Was hatte ich da für abgedroschene Phrasen aufgeschrieben: dass nämlich der Kunst doch eine so eminent ethische, ja moralische, soziale, politische Aufgabe zukomme usw. Somit könne der Impressionismus schon zum voraus keine erstklassige Kunstrichtung sein, da er mit seinem l’art pour l’art die absolute Zwecklosigkeit auf sein Panier geschrieben habe. Wahrscheinlich habe ich für den Aufsatz noch eine gute Note erhalten. Es entging mir völlig, dass es diesen Künstlern um die Rettung der Malerei zu tun war und dass sie mit ihrer Forderung eine unvergleichlich zentralere Aufgabe im Sinne hatten. Sie wollten für die Kunst Ähnliches, was die Grundlagenforschung für die Wissenschaft will: nicht zweckgebundenes Schaffen, sondern Kenntnis der Dinge und Erscheinungen. Diese geht nicht nur jeder Zweckbestimmung voraus, sondern ist direkte Voraussetzung einer später möglichen Verwendung. So ist für das künstlerische Erlebnis als eine nicht intellektuelle Erkenntnisform die absichtslose künstlerische Form Voraussetzung.

Was wir dem Satz vom l’art pour l’art zum Vorwurf machen könnten, ist nicht seine Substanz, sondern dass er zum Programm erhoben wurde, was die Absichtslosigkeit stört. Vielleicht noch lapidarer als das Programm der Impressionisten hat Eichendorff formuliert: „Die Poesie will und soll zu nichts brauchbar sein“. Bergengruen hat sich in seinen „Privilegien des Dichters“ darauf bezogen, wo er schildert, warum er dichtet. Ich denke auch an Picassos Ausspruch: Ein Glas und ein Päckchen Zigaretten, das ist schön, das ist schwierig, so schwierig wie das jüngste Gericht.