Berlin, 10. Februar 1932
Von E. K. das Büchlein von Erika Spann-Reinsch „Geistliches Bilderbuch“ erhalten. Wie es religiöse Seherinnen gibt, scheint sie profane Dinge auf visionäre Art zu schauen. Frau Spann ist die Gattin des bekannten Wiener Nationalökonomen. Da steht auf Seite 214 „Der Raum“. „Danach sogleich bat ich und fragte nach dem Raum. In meinen Augen war, als ich sie schloss, ein gleichmässiges, weiches, goldenes Licht, wie im Inneren einer Wolke. Ich sah aber bald, was ich wollte, den Raum.
Denke dir, ein breites und ungeheuer langes Band würde zu einer Tüte, zu einer unten scharf gespitzten, oben breit ausladenden Tüte zusammengerollt, so dass kein Hohl, keine Leere in der Tüte wäre, sondern wie eine gefüllte Blume wäre sie ganz dicht von all den Windungen der ineinander gesteckten Blätter ausgefüllt, die sehr nahe beisammen schienen, aber sich nicht berührten – das war der Raum, den ich sah, und er schien mir die ganze Welt, insofern sie räumlich ist, zu sein.
Danach wollte ich aber das Wesen des Raumes, das Räumliche selber sehen, da wurde ich noch weit mehr überrascht. Denn augenblicklich fing etwas an, wie ein Ballturnier, wie ein gewaltiges Ballspiel. Bälle wurden scharenweise hinüber und herüber geworfen, kreuzten sich wie die Rippen eines Domes und so immerfort. In jedem Augenblick ward jeder Platz von einem anderen Ball eingenommen. Ich sah zwar keine Spieler, die sie warfen, aber doch flogen sie, wie aktiv geworfen, im Bogen aufwärts und wieder herab. Die Bälle waren weiss, leuchtend, rund und mit kurzen Zackenspitzen, wie Sterne, wie Blütenstaub von Gänseblümchen, besetzt. Ich dachte einen Augenblick an Schneebälle, aber sie stäubten nicht, sie zerbrachen nicht, sie hatten nichts Verletzliches an sich. Die Empfindung des kristallenen Raumes, die mir so nahe liegt, lassen die beiden Bilder gänzlich unberücksichtigt …„
In allen Abhandlungen über den Raum glaube ich nie Treffenderes gelesen zu haben. Diese Bilder vermögen das mit Worten kaum formulierbare Wesen des Raumes aufzuhellen. Sie decken sich weitgehend mit den Vorstellungen, die der Bildhauer vom skulpturalen Raum während seiner formenden Arbeit entwickelt, die in einer fortwährenden Verdichtung oder Komprimierung der Massen besteht. Pevsner, Moore und andere haben die Spannungen im Inneren des Raumes zu gegenüberliegenden Flächen mit Hilfe von Drähten und Schnüren deutlich gemacht und haben so eine sehr intensive Räumlichkeit erreicht. Leider aber lässt sich auf statische Art gerade die Dynamik des Raumes nicht ausdrücken. (Vgl.: „In jedem Augenblick ward jeder Platz von einem anderen Ball eingenommen.„) Der Bildhauer empfindet deshalb zum Beispiel eine Kugel nicht als ein maximal plastisches Volumen. Diese Form steht für ihn näher beim architektonischen Raum, der nicht ein verdichtetes Volumen spüren lässt als vielmehr nur eine Oberfläche und ein Zentrum, von dem aus die Spannungen nur sternförmig und nicht in verschiedensten Durchdringungen stattfinden.
Je reichhaltiger die Beziehungen jeder Stelle im Raum des Volumens zur Oberfläche sind, umso dichter und stärker empfinden wir die Masse und die Gespanntheit der Oberfläche.