Notizen

Kassel, Sommer 1964

Das grosse Erlebnis ist die gewaltige Skulptur Moores (Large Looking Piece). Alles daran ist von einer fast untragbaren Dichte. Dass es sich in Wirklichkeit um ein gegossenes, hohles Gebilde aus Bronze handelt, wird überhaupt nicht bewusst. Und der Raum im architektonischen Rahmen wird so dicht, dass man kaum mehr atmen kann. Die Skulptur drängt denn auch jeden oberflächlichen Besucher eiligst aus ihrer Atmosphäre hinaus. Kaum wagt er noch einen scheuen Blick zurück. Es geschieht hier etwas Ähnliches wie bei den Tauschwestern vom Parthenon, vor denen die zufällige Existenz der Betrachter einfach in sich zusammenfällt. Endlich eine Skulptur, die sich weder fotografieren noch zeichnen lässt, die einfach ist. Solch intensives Dasein zu erleben, ist das grosse Geschenk der Bildhauerei.
Eine Skulptur, die im Gedanken an einen Beschauer hergestellt wurde, wie kann diese in sich selber ruhen?
Der Kunstbetrachter wird ein Werk nie gesegnet verlassen, es sei denn, er habe seine eigene Zufälligkeit vor gültiger Form erlebt.
Das entscheidende Erlebnis vor einer Skulptur ist nicht Ergriffenheit, sondern die erschütternde Erfahrung der sicht- und tastbaren Wirklichkeit intensivsten Daseins in sich selbst.
Nur grosse Tänzer vermögen durch ihr blosses Dastehen Raum zu füllen. Ein kleiner Krug kann darin manchen Tänzer übertreffen. Skulptur ist nicht psychologisch, sie ist ontologisch.