Notizen

Arlesheim, Juni 1960

Das „Werk“ will im August ein Heft über die „Synthese der Künste“ herausgeben und dort verschiedene Meinungen veröffentlichen. Ich habe auf die Frage ungefähr geantwortet:

Eine Integration (= ein Ineinanderaufgehen, eine Verschmelzung) der Künste im Sinn der Gotik oder deutlicher des Barocks ist heute gänzlich unvorstellbar. Sie würde ein einheitliches Lebensgefühl oder gar eine einheitliche „Weltanschauung“ voraussetzen. Dagegen ist eine Synthese (= gegenseitiges In-Beziehung-Setzen) der Künste wünschenswert und war eh und je bei jedem guten Künstler eine selbstverständliche Voraussetzung (für Form, Material, Farbe usw.).

Eine Integration als Verschmelzung der Künste ist auch gar nicht wünschenswert, weil sie ohne teilweises Abgleiten ins Dekorative nicht realisierbar ist. Auch in den grossen historischen Stilen haben die bedeutendsten Werke ihre Eigenständigkeit bewahrt und sich nur teilweise integriert.

Dagegen scheint die Synthese (Zusammenstellung), oder deutlicher gesagt, die Antithese (die sich gegenseitig steigernde Spannung) die Stilform unserer Zeit zu sein. Damit ist nicht der Willkür das Wort geredet. Im Gegenteil setzt die zum Erlebnis gewordene Spannung grösste Einfühlung in die gegebene Situation wie überlegene Beherrschung der Mittel voraus. Sie gewährt aber zugleich die grösstmögliche persönliche Freiheit. Eine saubere, klare, starke Herausarbeitung der Spannung zwischen dem rein Architektonischen, dem rein Plastischen und dem rein Malerischen trüge die Möglichkeit in sich, einen Stil zu formen, wie er erregender und beglückender in der Kunstgeschichte kaum dagewesen ist.