Notizen

Arlesheim, Mai 1962

Pfarrer B. schreibt mir, dass er vom bischöflichen Ordinariat in X. (Deutschland) Weisung erhalten habe, mein Kruzifix zu entfernen. Dies ist nun schon das zweite Mal, dass mich eine solche Nachricht erreicht. Dies tut mir seinetwegen sehr leid, denn er ist, wie der grössere Teil seiner Gemeinde, sehr mit dem Werk verbunden. Eigenartig, wie wenig Sinn für die geistige Interpretation eines religiösen Themas vorhanden ist. Hätte ich mich mit einem konventionellen, nichtssagenden Korpus begnügt, wäre überhaupt nichts passiert: weder hätte mein Kreuz irgendeinen Menschen interessiert, d.h. angesprochen, noch wäre es verboten worden. Hätte ich aber nur schlicht und einfach eine Darstellung des historischen Ereignisses gegeben, was normalerweise die einzige erwünschte Auffassung des Themas zu sein scheint, so dürfte eine solche Darstellung keineswegs die Schrecklichkeit und äusserste Gottverlassenheit aufzeigen, wollte sie vor dem Urteil bestehen. Das wäre etwas Unangenehmes, was in eine Kirche nicht hineinpasst.

Versuche ich aber das Kreuz nicht als eine historische Darstellung zu formen, sondern als Zeichen des Heils oder der Wiederkunft Christi oder der mystischen Präsenz usw., so verstosse ich gegen die Tradition (des 19. Jahrhunderts).

Schon lange habe ich es aufgegeben, sogenannte rein plastische Grundsätze an religiösen Aufgaben verwirklichen zu wollen. Das bedeutet keineswegs, auf künstlerische Qualität zu verzichten. Die schönsten Kruzifixe sind vielleicht von Menschen gemacht worden, welche vom Wesen der Skulptur keine Vorstellung hatten. Schon die Einschränkung, eine Figur auf einer Ebene (Kreuz) komponieren zu müssen, widerstrebt den plastischen Bedürfnissen. Von einer Ordnung der Massen im Raum oder auf der Ebene ist keine Rede. In den Extremitäten (Füsse und Hände) ist kaum mehr ein nennenswertes Volumen vorhanden. Und wo ist die „Geschlossenheit der Form“? Was soll man hier mit skulpturalen Problemen? Entscheidend sind allein Echtheit und Unmittelbarkeit.