Notizen

Berlin, Januar 1931

Meine Lektüre sind wieder Fiedler, Hildebrand und Wölfflin, aber wie ganz anders als vor vier Jahren. Übrigens hat es Wölfflin fertiggebracht, Hildebrands Buch „Das Problem der Form in der bildenden Kunst“ in einem einzigen Satz zusammenzufassen. Als Musterbeispiel konzentriertester Formulierung und wesentlicher Zusammenfassung steht der Satz hier: „Für Hildebrand spitzt sich das Problem zu der speziellen Frage an den Plastiker zu, wie es möglich sei, dem Kubischen, das uns zu einem beständigen Wechsel des Standpunktes, zu einem tastenden Herumgehen um die Figur nötige und darum im rohen Naturzustand etwas Beunruhigendes habe, dieses Beunruhigende zu nehmen, und er findet die Lösung in dem Begriff der Reliefauffassung, wo der gesamte Inhalt der dreidimensionalen Form in eine zweidimensionale Bildschicht gesammelt wird, die dann aber doch nicht flach wirken soll, sondern – und hier ist der springende Punkt – so behandelt sein muss, dass alle Tiefenverhältnisse ebenfalls vom ruhenden Auge, d.h. aus dem reinen Flächenbild, abgelesen werden können“.

Diese „optische“ Theorie der klassischen, ruhigen Klarheit schien mir vor vier Jahren noch unantastbar. Die Relativität alles Theoretisierens über Kunst zeigt der Vergleich mit einem Aufsatz J. G. Herders, „Plastik„, der damit gleichsam Jahrzehnte zuvor eine saftige Entgegnung auf Hildebrands Buch, d.h. auf seine Theorie der Skulptur aus den Gesetzen der Optik, geschrieben hat. Wenn schon mit einer Theorie, würde ich es heute mit der „haptischen“, d.h. greifbaren, Herders statt mit der optischen Hildebrands halten.

Berlin, Januar 1931

Was ist das Schwerste von allem?
Was Dir das Leichteste dünkt;
mit den Augen zu sehen,
was vor den Augen Dir liegt. [Goethe]