Zürich, November 1935
Körper und Raum sind die Elemente, mit denen der Bildhauer arbeitet. Beide sind Korrelate, d.h. je dichter das Körpervolumen, desto dichter ist auch der Raum, der das Volumen umhüllt. Je stärker eine Oberfläche die Masse komprimiert, um so klarer empfinden wir auch die Dichte des umgebenden Raumes. Letzten Endes ist das einzige Mittel, mit dem der Bildhauer seine Wirkungen erzielt, die Gestaltung der Oberfläche, d.h. der Ablauf der Flächen im Raum. Damit erzeugt er den Grad der Realität seiner Arbeit, ihr Dasein als Qualität, ihre Gegenwärtigkeit, die Fülle ihrer Präsenz (alles Worte, die Ähnliches bezeichnen, aber in ihrer Addition die Sache selber vielleicht deutlicher machen).
Ganz überraschenderweise decken sich mit diesen Qualitäten der Materie auch die Qualitäten des Gehaltes, zum Beispiel Kraft und Grösse der Form, die Qualität der Ausstrahlung, zum Beispiel der Stille, der Geborgenheit, des Ausgesetztseins und ungezählte andere. Eine schwächliche Form ist gleichzeitig auch eine dumme.
Stans, Mai 1940
Lernen wir von unseren Kindern die Dinge voll und ernst zu nehmen. So ist die Puppe des kleinen Mädchens nur für den Erwachsenen eine blosse Darstellung eines kleinen Kindes. Nur für ihn braucht es eine möglichst genaue Nachbildung, die womöglich noch sentimental beschwert sein muss, um als schön und echt empfunden zu werden. So real, wie das Mädchen seine Puppe, müssen auch wir lernen, die Gegenstände ernst zu nehmen. Gegenstände – Dinge, die uns entgegenstehen, die selbst stehen, selbst-ständige Dinge, eigenständige Wirklichkeiten, so eigenständig wie wir selber. Gute Skulptur steht in sich selbst. Mit dem letzten Meisselschlag entlässt die Skulptur den Bildhauer aus ihrem Kreise, ja sie stösst ihn aus und ist sich selbst genug. Mir ist unerfindlich, warum die Philosophen immer wieder zu beweisen versuchen, der Künstler arbeite nur, um eine Aussage zu machen, d.h. sich seinen Mitmenschen auszusprechen. Dem Worte kommt es zu, auszusagen, der Skulptur aber kommt es zu, da zu sein, zu sein auf eine gültigere, intensivere, bleibendere Weise, als dem Menschen zu sein vergönnt ist. Wie armselig steht der Mensch in seiner ungeordneten Zufälligkeit vor einer starken Skulptur. Eine solche kann nie richtiger, schöner sein als wenn sie für sich, d.h. allein ist. Dass man einem formvollen Ding nicht gegenübertreten kann, ohne dass es etwas aussagt, ist unvermeidlich, aber nicht gewollt. Darum empfindet der Mensch es immer irgendwie tragisch, in den geordneten Kreis eines grossen Kunstwerkes zu treten, d.h. in den Bereich eines gültigeren, stärkeren Daseins. Wie nirgendwo sonst muss der Mensch hier seine eigene Zufälligkeit und Hinfälligkeit erleben.