Arlesheim, am 12. Februar 1966
Heute habe ich den Textteil meiner Monographie abgeschlossen. Bekannte sind bereit, mir das Manuskript ins Reine zu schreiben. Etwas Eigenartiges ist diese Beschäftigung mit einem Buch über die Arbeit von dreissig Jahren. Ich habe viel gearbeitet, wohl zu viel, als dass ich darüber nur glücklich sein könnte. Immer nur vorwärtsschauend, ein Leben lang zu glauben, die entscheidende Arbeit sei erst im Kommen, und immer bereit, alles Gewesene abzustossen und zu vergessen. Aber ein Buch zwingt zum Rückblick, zur Rechenschaft, zur Betrachtung aus Distanz, zur Abrechnung. Und der Schlussstrich-? Könnte ich ihn ziehen und die Dinge fahren lassen, die sich seit Jahren vorbereiten, und dann einige Dinge machen, die bescheidensten, die ich finden kann, eine Steinschale, dünn, dass sie klingt wie eine feine Glocke, deren Rand das Auge folgt und über deren Fläche die Hand streicht, schöner als über Seide. – Die Ausstellung von Morandi in Bern im letzten November hat mich getroffen, wie kaum je eine andere. Da malt er den Fuss einer Petrollampe, so existent, wie keine Skulptur eine grössere Realität haben könnte, es ist Mörikes Lampe: selig in sich selbst. Wie viel vollkommener und beglückender sind die stillsten, bescheidensten Dinge gegenüber den sogenannten Meisterwerken. Letzten Endes sind es nicht die skulpturalen Erkenntnisse, welche den Bildhauer befähigen, in seinen Werken die grösste plastische Realität zu erreichen, sondern die absolute Echtheit, Schlichtheit, Ehrlichkeit seines Tuns.
