Notizen

Assuan, April 1962

Die Bildhauer sollten in jungen Jahren nach Ägypten fahren, um frühzeitig den Respekt oder gar die Angst vor grossen Steinen zu verlieren. Und vielleicht vermittelt Ägypten dem jungen Menschen auch die rechte Megalopsychia, um zu spüren, dass ihm das Material restlos zu dienen hat. Nur dann wird der Stein seine letzte Kraft gewinnen können.

Der Glaube, dass nur die Sklavenheere so gigantische Werke ermöglicht hätten, ist einfach naiv. Nur wahre Begeisterung, dauernde Freude und das Bewusstsein von der Würde seines Tuns befähigen den Menschen, solche Dinge zu unternehmen und durchzustehen. Dass nicht jeder Arbeiter gerne mittat und die Organisation grösste Strenge bedurfte, ist ebenso klar. Leider konnte ich nirgends Reliefs oder andere Anhaltspunkte finden, die über verschiedene technische Fragen Auskunft gaben. Die Schwierigkeiten liegen nicht dort, wo die meisten Laien und auch Archäologen sie vermuten. So ist es zum Beispiel für jeden erfahrenen Bronzegiesser klar, dass die verwendeten Bronzemeissel von ausgezeichneter Qualität waren und unseren Werkzeugen, über die wir noch bis vor wenigen Jahrzehnten verfügten, nur sehr wenig nachstanden. Ich gedenke hier meines lieben Lehrers (und Dichters) Professor Kurt Klüge an der Berliner Akademie, der uns in der Bronzeklasse ungezählte entsprechende Versuche machen liess.

Am interessantesten wäre es zu wissen, wie im Porphyr die beidseitigen Gräben am unvollendeten Obelisken gemacht wurden und wie man den über 60 m langen Stein vom stehenden Fels zu lösen unternahm. Die Gräben wurden möglicherweise gar nicht ausgespitzt, sondern mit mächtigen Rohren (zum Beispiel mit Quarzsand versetzte gebrannte Tonröhren) Loch an Loch ausgebohrt, denn die äussere Wandung besteht aus aufgereihten Zylindersegmenten. Ich fand aber nirgends, auch nicht im Museum in Kairo, einen Gegenstand, der als solches Werkzeug hätte dienen können. Dagegen steht dort ein unvollendeter Sarkophag: aussen ringsum fast fertig, massiv, Deckel und Sarg aus einem Stück, der Deckel aber fast bis zur Hälfte mit einem Sägeschnitt abgetrennt. Möglicherweise ist auch der Obelisk mit Schnüren oder Bronzedrähten und Quarzsand oder Korund vom stehenden Fels abgesägt worden. Nirgends aber fand ich im Steinbruch eine Ebene, die sich als Sägefläche hätte verstehen lassen.

Auf verschiedenen Reliefs steht vor dem Transportschlitten ein Mann, der aus einem Gefäss wohl schwerlich Wasser, sondern eine Gleitschmiere, zum Beispiel Graphit oder Talg, auf die Bahn schüttet.

Oftmals habe ich mich gefragt, was ganze Reihen von ca. 20 cm langen Schrunden bedeuten, die an einzelnen Tempelmauern in ganz verschiedenen Höhen eingekratzt waren, bis ich mich an die Sandsteine erinnerte, die mit den gleichen Schrunden auf unseren heutigen Werkplätzen stehen, an denen die Steinhauer ihre Meissel schärfen und eine neue Schrunde beginnen, wenn die alte zu tief wird. So müssen, als die Tempel später weitgehend vom Wüstensand bedeckt waren, die Werkplätze vor den hohen Mauern auf der Höhe dieser Schrunden gelegen haben, während man die niedrigeren Mauern wegen der geringeren Schwierigkeiten als Steinbruch benutzte. Weil man die niedrigeren Mauern immer weiter abbaute, mussten auch die Werkplätze vor den hohen Pylonen immer tiefer gelegt werden.

In Abu Simbel hat mich die ganz überragende Qualität der Hieroglyphen am kleinen Hathor-Tempel überrascht, eine Qualität, die ich sonst nirgends auch nur annähernd erreicht fand. Ein Beweis dafür, dass auch damals nur sehr wenige Bildhauer Wesentliches von der Schrift als Form verstanden haben.