Zürich, Juni 1934
Kaum habe ich meine erste grössere Arbeit (Schöpfungsbericht am Portal der Bruder-Klaus-Kirche Zürich) beendet, als mich schon wieder jener Zweifel beschleicht, ob nicht die Kunst etwas beinhaltet, von dem ich als junger Mensch gar keine Vorstellung haben kann. So bemühe ich mich je länger je intensiver, wenigstens gute Skulptur zu machen und die „Kunst“ der Gnade der gütigen Muse zu überlassen. Was bleibt uns anderes übrig? Vielleicht ist dies der Schlüssel, warum man unentwegt neue Wege zu gehen sucht, um doch einmal dem Unaussprechbaren erschütternde Form geben zu können.
Baiersbrunn, den 9. Juli 1934
„Kunst ist etwas zweiten Ranges.“ [Schweisstuch der Veronika] „Sie werden … das Wort nicht falsch verstehen.“ Es ist mein eigenes künstlerisches Bekenntnis: es steht auf der Linie des Herrenwortes: wer sein Leben lieb hat, wird es verlieren, und wer es verliert, wird es finden. Denn natürlich ist die Kunst etwas allerersten Ranges im Blick auf diese Welt, doch in dem auf die Ewigkeit und auf Gott rückt sie an die zweite Stelle. Das grosse Geheimnis aber ist, dass sie gerade dort, wo sie nicht mehr den ersten Rang hat, erst zur Kunst vom ersten Rang wird, weil sie den ewigen Horizont fand.“ [Gertrud von le Fort]
In diesem Zusammenhang denke ich an eine Äusserung Emil Steffans: „Im Kirchenraum geht es nicht um Kunst, sondern um eine Notwendigkeit.“ Erst wenn der Künstler, der Architekt, dies begriffen hat, werden seine Arbeiten künstlerischen Rang haben.