Berlin, Januar 1932
In der Akademie wurde der Film über den Meisterfälscher Alceo Dossena [Rom] vorgeführt. Zuerst hat er alte Meistergeigen gefälscht, dann Fresken, und seit mehreren Jahren macht er Marmorstatuen im Stil von der Antike bis zur Renaissance. Ein Mann mit einem phänomenalen Formgedächtnis und einer handwerklichen Meisterschaft, aber ohne jede eigene Welt. Der Kreuzweg, den er mit unheimlicher Schnelligkeit für den Vatikan modellierte, ist als moderne Arbeit nicht etwa im Stil Rodins oder Maillols gemacht, sondern des routiniertesten und oberflächlichsten Krippenschnitzers. Aber ich habe diesem Film doch sehr viel zu verdanken. Dossena setzte sich rittlings auf den Marmorblock, aus dem er in wenigen Stunden einen lebensgrossen, gefallenen griechischen Krieger mit dem Spitzeisen ohne jede Vorlage herausbossierte. Die Punktierarbeit, wie sie hier in Berlin und auch bei uns betrieben wird, ist einfach lächerlich und hat mit Steinblidhauerei nicht das geringste zu tun. Es geht vielmehr darum, die wesentlichen Formen im Stein so rasch zu entwickeln, dass dabei die innere Erregung noch lebendig ist. Das ist nur bei äusserst rascher und rationellster Arbeit möglich. Der Bildhauer ist dem Maler gegenüber immer benachteiligt. Dieser kann in einem einzigen Arbeitsgang ein Bild ohne Nachlassen der inneren Spannung malen. Der Bildhauer muss alles nur Denkbare vorkehren, um den technischen Schwierigkeiten nicht zu erliegen, bevor seine innere Spannung nachlässt.
Die Bildhauer sind meistens viel behäbigere und ausdauerndere Menschen als die Maler. Zum grossen Glück, sonst könnten sie ihr Formerlebnis gar nicht so lange durchhalten, als der künstlerische Prozess dauert.
Professor Tank gab kürzlich den Bildhauern im Aktzeichnen ein schönes Lob: „Die Bildhauer machen fast alle bessere Zeichnungen als die Maler“, und als die Maler ein schiefes Gesicht machten, korrigierte er: „Die Maler machen schönere, die Bildhauer bessere Zeichnungen.“ Das gönnen wir ihnen gerne. Die meisten Maler zeichnen eben die Erscheinung, die Bildhauer versuchen, den Körper aufzubauen aus dem Kern, d.h. aus der entscheidenden Stellung des Beckens heraus. Das im Körper fühlbare Skelett ist ihnen ausdrucksträchtiger als der Schmelz der Haut.
Der Gipsgiesser der Akademie, der mich sehr bevorzugt, indem er mich als einzigen Schüler allein während seiner Abwesenheit in seiner Bude arbeiten lässt, kann wunderbar erzählen, wie er als Lehrling für die Figuren an der Siegesallee gearbeitet hat. Die Künstler brachten ihm ganze Uniformen, Stiefel, Degen usw., die er mit einem Gerüst zu versehen und auszustopfen hatte, wobei der Künstler seine ganze „Schöpferkraft“ auf Gesicht und Hände konzentrieren konnte.