Mensch und Stein – Vortrag zum 80-ten Geburtstag

Rodin soll gesagt haben der Bildhauer arbeite mit „Buckeln und Löchern“. (Ich weiss nicht was er genau auf Französisch gesagt hat). Umfassender könnte man Sagen er arbeite mit konvexen und konkaven Flachen. Doch trotzdem, dass im Endeffekt das Steinvolumen zur Wirkung kommen muss, arbeitet der Bildhauer – im Gegensatz zum Modeleur –  nur mit der Oberfläche. Er organisiert den Ablauf der Flächen im Raum und ordnet damit seine Volumen.

Der Modeleur tragt immer Volumen auf. Der HoIzbildhauer mit seinen Hohleisen schält gleichsam das HoIz weg. Der Bildhauer mit seinem Meissel verdichtet das Volumen.

Bei sehr harten und interessant strukturierten Steinen poliere ich den Stein meistens. Damit weden die lezten handwerklichen Spuren des Bildhauers entfernt. Die Haut (der sog. Beitzschlag), die den Stein, das Volumen überzieht, wird abgelöst und so die Struktur des Steines freigelegt. Damit ist auch die Ablösung vom Künstler vollkommen. Es ist dies die höchst erreichbare Präsenz.

Als zwanzigjähriger Mann – einige Jahre bevor ich den Entschluss Bildhauer zu werden gefasst habe, erlebte ich ein eindringliches Beispiel schöpferischer Prasenz. 

Das weltberühmte Tänzerpaar Chlothilde und Alexander Sacharoff trat im Schauspielhaus Zurich auf.

AIs sich der Vorhang hob, stand Chlothilde Sacharoff in einem langen Gewand in der hinteren linken Ecke der Bühne und kam mit langsamen, ruhigen, kaum merklichen Schritten in der Diagonale durch den Bühnenraum. Vorne, als sie die Diagonale abgeschritten hatte, fiel der Vorhang. Wie was es möglich, dass diese Frau mit stillsten minimalen Aktionen des Schreitens den gesamten Raum auf die intensivste Art erfüllt hat? Was für eine gewaltige Konzentration auf ihr Dasein muss sie erfüllt haben?

In der folgenden Darbietung tanzte Alexander, gleichsam als Kontrast. Mir erschienen seine technisch grossartigen Leistungen, seine Sprünge, Pirouetten usw. wie überall im Raum aufblitzende Grafik, bewunderswürdig als körperlich tänzerische Leistung, aber ohne grosse Präsenz.