Mensch und Stein – Vortrag zum 80-ten Geburtstag

Es ist wichtig nochmals zurückzugreifen auf den Begriff der ägyptischen Kartusche, d.h auf den Begriff des Bildhauers als Mensch, der den Dingen Ewigkeit verleiht. Dieser Begriff reicht mehrere Jahrtausende über die vorchristliche Zeit zurück.  Der Gedanke aber, dass durch bildliche Darstellung eine Sache ewige Gegenwart verleihen werden kann, ist noch bedeutend älter und reicht in die vierte Eiszeit zurück, ca. 50’000 Jahre v. Chr.

Viele Forscher der frühen Höhlenmalerei begründen Zweck und Ursprung der Tierdarstellungen mit dem modernen Nützlichkeitsgedanken, dass den Jägern durch magische Beschwörung der gewaltigen Tiere die Jagd erleichtert werde.

Siegfried Giedion, in seinem umfangreichen Werk von der Entstehung der Kunst mit dem Obertitel “Ewige Gegenwart”, verweist auf menschlich tiefere Ursachen für das Entstehen dieser grossartigen Malerei. Er ist überzeugt (wenn ich richtig formuliere), dass der frühe Mensch sich als gleichwertig mit der höheren Tierwelt empfand und die Tötung der Tiere irgenwie als Schuld gegenüber der Natur spürte.

Durch die bildliche Darstellung konnte dem Tier ein bleibendes Dasein vermittelt werden.

Unter den Gründen für diese These scheint mir der deutlichste darin zu liegen, dass oft Tiere in – und übereinander gemalt wurden, ohne das Darunterliegende irgendwie auszulöschen.

Erst als der Mensch seiner Überlegenheit über die Tierwelt bewusster wurde, trat auch der magische Jagdzauber als Selbstzweck in Erscheinung. In diesem Zusammenhang könnte man auch darauf hinweisen, dass heute noch viele Menschen in Touristenländern das Fotografiertwerden zutiefst verabscheuen, da sie noch nicht von unserem rein technischen Denken verdorben sind.