
Aus einem Brief, Arlesheim, Dezember 1965 (2)
Es war für mich ein eigenartiges Erlebnis, als in einer Gedenkfeier für Reinhold Schneider sein Bildnis vorne im Saal stand und mir plötzlich klar wurde, dass man nun Reinhold Schneider so sehen werde, wie ich ihn formuliert hatte. In diesem Moment war ich froh, mir sagen zu können, dass ich während meiner Arbeit nichts anderes ausdrücken wollte, als was ich unmittelbar sah; dass ich beständig bemüht war, die Formen nicht flächig zu sehen, sondern in ihrem intensiven Ablauf im Raum, dass ich nie auf die Ähnlichkeit der Erscheinung hingearbeitet hatte, sondern auf die Struktur des Schädels und der sich darüber durchdringenden Formen. Diese Methode garantiert, gleichsam als Zugabe, eine wesentlichere Ähnlichkeit als das Abschätzen der Proportionen des Gesichtes, wodurch zwar sogleich Ähnlichkeit erreicht wird, die sich aber nicht weiter entwickeln lässt.
Diese solide Arbeit an der inneren Struktur des Kopfes ist freilich keineswegs so befriedigend und klar, wie es Rilke in seinem Buch Rodin beschreibt. Denn gerade im intensivsten Bemühen, objektiv räumlich zu sehen, erlebt man es nur allzu handgreiflich, dass sich die Dinge beständig neu präsentieren, gleichsam wie in einem sehr sensiblen, abstrakten Film, wo sich die Formen in immer neuer, wenn auch ähnlicher Art durchdringen. Dazu kommt erst noch ein weiteres: der psychologische Film, der unablässig auf dem Gesicht des Modells abrollt. Vor allem zwingt er uns zur beständigen Kontrolle der Arbeit, denn wollte der Bildhauer diese einfach sachlich-korrekt tun, so wie der Schreiner seinen Tisch verfertigt, dann kann es geschehen, dass er gerade jene Formen fixiert, die nur momentan erscheinen und unwesentlich, wenn nicht falsch sind.