Mensch und Stein – Vortrag zum 80-ten Geburtstag

Aus einem Brief, Arlesheim, Dezember 1965 (3)

Eine andere Schwierigkeit erscheint für gewöhnlich erst nach einigen Sitzungen. Sobald die charakteristischen Züge erkannt sind, beginnen sie, oft langsam, oft sehr rasch, sich ins Groteske zu steigern. Diese Situation scheint mir die gefährliche Versuchung in sich zu bergen, den Dargestellten auf eine einzige, extreme Interpretation zu fixieren. Rein künstlerisch gesehen ist dies sehr verlockend, denn es verbürgt die Einheitlichkeit und Kraft des Ausdrucks. Gleichzeitig aber simplifiziert es die psychische Vielfalt zu einer einzigen Formel auf Kosten der übrigen Möglichkeiten. Diese häufig und keineswegs zu Unrecht angewendete Art bürgt für Erfolg bei den meisten Betrachtern. Die Entscheidung, wie weit man solchen einseitig gesteigerten Beobachtungen nachgeben soll, erscheint mir jedes Mal aufs neue schwierig. Ich weiß nicht, wie weit Ihnen solche Probleme, die mich bei der Arbeit beschäftigen, aufgefallen sind … Sie werden nun aber auch verstehen, dass man nach solcher Porträtarbeit wieder ein großes Bedürfnis hat, sogenannte abstrakte Dinge zu machen: eindeutige Körper in Beziehung zu setzen, Konvexes und Konkaves zu formen, das Raum verdrängt und von Raum durchdrungen wird, von plastischem und kristallinem Raum, Formen, die ganz um ihrer selbst willen da sind, gleichsam problemlos, psychologisch unbeschwert, die wie eine gut gebaute Fuge eine reine Freude auslösen.

Wenn bei unserem Porträt etwas Wesentliches eingefangen wurde, so ist sehr weitgehend das Modell daran beteiligt, nicht nur wegen seiner Substanz, sondern wegen seiner Präsenz. Das ist ja der Grund, warum es bei mir keine „Sitzungen“, sondern „Stehungen“ gibt, und warum mir ein Gespräch während der Arbeit doppelt wertvoll ist. Bei vielen Menschen sind die Momente ihres wesentlichen Ausdrucks selten und oft so kurz, dass einem kaum Zeit bleibt, sich über die fortwährenden Formveränderungen klar zu werden, um sie in ein Bleibendes, nicht mehr Momentanes, einzubauen. Je präsenter aber einer steht, um so reicher und dauernder sind die für die Interpretation entscheidenden Momente, und um so weniger ist der Künstler allein auf die rein statische Morphologie angewiesen.