Gewichtiger aber als alle diese einzelnen Probleme ist eine ganz allgemeine Schwierigkeit im heutigen Kirchenbau. Es ist die Frage, wieweit der sogenannte Altarbezirk heute noch Gültigkeit habe, ob der heute übliche Altarbezirk die geeignete Form darstelle für die vom Konzil geforderte aktive Teilnahme; ob nicht gerade diese Form ein Hindernis für die geforderte innige Teilname sei, ein Hindernis deshalb, weil dieser Altarbezirk aus einer ganz anderen Haltung übernommen ist, als wir sie heute nötig haben.
Wir haben nach dem Konzil den Altarbezirk den Forderungen der Liturgiker angepasst. Wir haben Altar, Ambo und Priestersitz eingerichtet. Wir haben eine eigene Sakramentskapelle. Wir haben die Bänke hufeisenförmig um diesen Bezirk gelegt, und von allen Plätzen sieht man den Altar. Man sieht von allen Plätzen auf den Aktionsraum. Anders ausgedrückt: wir haben eine Bühne und einen Zuschauerraum. Wir haben wesentlich Schau-Kirchen. Wir haben einen hervorragend belichteten Marmor-Altarbezirk gegenüber hölzernen Bankblöcken. Wir haben im Grund normalerweise das moderne Kulttheater, d. h. eine Form, die dem Volk die Rolle des Zuschauers suggeriert und die den Zelebranten zwingt, den Gottesdienst zu zelebrieren. Ein Vergleich mit Theaterstücken von Brecht, wo zur Aktivierung des Publikums einzelne Schauspieler unter die Zuschauer gesetzt werden, wäre gar nicht so abwegig, wie es im ersten Moment erscheint. Der Einwand gegen eine möglichste Eliminierung des Altarbezirkes ist immer die ungeprüfte Antwort, dass es auf Praktischen Gründen gar nicht anders gehe. Dass dem nicht so ist, zeigen wegweisende Realisierungen hier in Österreich, wenn auch meist nur für kleinere Gruppen. Neben diesen zukunftweisenden Lösungen dürfen wir aber auch nicht jene Bauten vergessen, wo äusserste Not nicht zu unwahren Scheinlösungen geführt hat, sondem zu zentralster Besinnung. Wir müssen dem Gottesdienst gegenüber eine andere Grundeinstellung gewinnen. Es geht nicht um das Sehen, es geht um das Sein. Es geht nicht um das Dabeisein: es geht um das Darin-Sein. Es geht nicht darum, dem Klerus seinen Funktionsraum abzusprechen, sondem im Gegenteil diesen zu erweitem. Es geht darum eine Form zu finden, die nicht ein Gegenüber, sondern die Dazugehörigkeit, das Darinsein fühlbar macht. Der Altarbezirk soll nicht nur bis zu den Bänken, sondem er muss bis zu den Kirchenwänden reichen.