Vom Altar. Gedanken zu seiner Gestaltung

Albert Schilling, in „Albert Schilling“, Sakrale Kunst Band 8, 1966, NZN Buchverlag, Zürich, Seiten 43 – 50

Noch bevor man hoffen konnte, dass dank einem Konzil die Bemühungen einer liturgischen Bewegung zu einem so umfassenden Durchbruch kämen, konnte ich 1956 schreiben: „Unsere Kirchen und Altäre sind vielleicht der deutlichste, sichtbarste und bleibendste Erfolg der jahrzehntelangen liturgischen Erneuerungsbemühungen: Altäre, die ihren architektonischen Ort haben, die in der Geborgenheit eines kirchlichen Raumes stehen, die nicht mehr an die Wand gedrückt, sondern als verdichtetes Raumzentrum den Raum beleben, die nicht mehr eine schöne Fassade und eine leere Rückseite haben, die nicht primär das schöne brokatene oder steinerne Antependium, sondern die Opferfläche deutlich und sichtbar werden lassen, Altäre, die nicht primär für den Beschauer dekoriert, sondern für das Messopfer gestaltet sind.“

Was liegt in dieser knappen Zusammenfassung? Vorerst, dass der Bildhauer gar nicht die Möglichkeit besitzt, allein diese Fragen befriedigend zu lösen. Vor dem Bildhauer muss sich der Architekt über die liturgische Situation im Klaren sein und vor dem Architekten die kirchliche Bauherrschaft. Findet der Bildhauer einen Raum vor, in dem der Altar seinen wesentlichen, unverrückbaren Ort hat, ist dies eine gewaltige Hilfe. Kein Aufwand des Bildhauers vermag einen fragwürdigen, unbestimmten Ort zu retten. Die Aufgaben des Bildhauers beim Kirchenbau – wie Altar, Ambo, Portal – dürfen keine „Ausstattungsgegenstände“ werden, etwa so, wie man in einen profanen Raum die Dinge des Gebrauches und des Schmuckes hineinstellt. Seine Aufgabe ist es, das, was in der Architektur begonnen ist, zu erfüllen, d.h. die den Handlungen und Orten gemässen Dinge und Situationen zu schaffen. Er hat nicht die Dinge vor allem „schön“ zu machen, sie zu „verzieren“, sondern er hat sie von ihrem Wesen her zu realisieren. Es muss also ein Ding geschaffen werden, eine res, die in sich selber ruht und nicht auf einen bejahenden oder verneinenden Betrachter ausgerichtet ist. Deshalb sind die wesentlichsten Dinge in der Kirche der Arbeit des Bildhauers zugedacht, weil die letzte Qualität einer Skulptur in der Verdichtung der Materie, in der Intensivierung ihres Daseins besteht.