Fragwürdiges – würdig zu fragen

Albert Schilling, Vortrag auf der Tagung der Lukasgesellschaft Schweiz, publiziert in Das Münster, 5/1967

Fragen an den Kirchenbau von heute. Fragen ernsthafte, nicht rhetorische. Fragen, von einem, der nich über der Situation steht, von einem, der mitten drin steht. Fragen – nicht von einem, „der es weiss“, sondem von einem, der jahrzehntelang gewohnt ist, seine eigene Arbeit beständig in Frage zu stellen, und darum gelernt hat, dass Umwege meist gar nicht falsch sind, sondern die notwendige Voraussetzung für die weitere Entwicklung darstellen. Vieles, was mühsam erarbeitet wurde, erweist sich nach kurzer Zeit als nicht mehr gültig oder in anderer Situation als falsch. Das aber aufzuzeigen, ist ein Anliegen. Ein anderes ist die Sehnsucht, das Ziel, nach Einfachheit in allen kirchlichen Äusserungen. Und ein Drittes ist dies, dass wir die Dinge nicht wichtiger nehmen sollen als die Menschen.

Den Tenor der Gedanken könnte die alttestamentliche Situation aufzeigen, wo Elias in die Wüste geht, um Gott zu suchen. Er fand Gott nicht im Sturm, nicht im Feuer, nicht im Beben der Erde. Er fand ihn in der Stille. Vor dem Konzil, während der vierzig Jahre der liturgischen Bewegung, waren es Fragen des Masses an den Künstler, z.B. wie weit es gelingt, für die Kirche einen Einheitsraum zu schaffen, oder den Altar von der Wand zu lösen, oder ihn zu verdichten usw.

Heute sind die Fragen radikal geworden, Sie greifen an die Wurzeln. Man wagt sie kaum in ihrer vollen Radikalitat zu stellen. Sind, um Beispiele zu nennen, in unseren Städten und werdenden Grossstädten Kirchen in der gewohnten Art noch möglich? Sind in wenigen Jahren unsere steinernen Altäre noch möglich? Nicht von der liturgischen Wünschbarkeit her, sondein von der äusseren physischen Möglichkeit her.

Wir leben in einem Land der Präzision, im Bewusstsein, alles so gut, so dauerhaft, so perfekt als möglich zu machen. Auf der ganzen Welt stellt man keinen schöneren Sichtbeton her. Trotzdem ist es gut, wir schauen über die Grenzen, um uns ernsthaft zu fragen, wie weit ausländische Kritik berechtigt sei.

Vor zwanzig Jahren schrieb P. Regamey, damals Redaktor der in Paris erscheinlenden Monatsschrift L’Art Sacré: „Wer die Werke dieser wahrhaft reifen kirchlichen Architektur sehen will, muss heute in die Gegend zwischen Basel, Luzern und St. Gallen reisen, so wie man im 12. Jh. sich in der Pariser Region zu orientieren hatte. Die Eigenschaften, die einen beim Betrachten dieser Kirchen befallen, sind in drei Bezihehungen hervorragend: in der Logik der Konstruktion, in der Anpassung an die Forderungen der Liturgie und der kirchlichen Frömmigkeit und im spübaren Ausdruck des modernen Gefühls.“