Reinhold Schneider: Bildhauer und Dichter

Bildhauer:

Mir steht die Zeit. Der grosse Augenblick,
Da die Vergänglichkeit gerinnt und Zeit
Gestalt wird, der Vergleitende: der Mensch
In einer Geste sich zusammenfasst
Und Standbild seines Schicksals ist; – die Seele
Vom Wogenkamme singt, das unerhörte,
Nie wiederholte Lied, das in den Sphären
Verschwingt und ruht – dies Ewige ist mein: die Zeit,
Nicht mehr das Gleiten, Zeit in Sein verschmolzen.
Und eins mit ihm als höchste Wirklichkeit.
Wie könnte Leid vergänglich sein? Wie Schicksal
Veraschen, Handschrift in der Glut? Wie Glut
Mehr sein als flüchtige Züge einer Hand,
Die auf dem Totenbett den Kiel umkrampft,
Und stärker als der Namenszug des Feldherrn
Im letzten dumpfen Schweigen vor der Schlacht?
Die Zeit zerstört nicht; sie gestaltet nur:
Der Wind, von dem die Seele tönt; Sie ist
Der Seufzer, der des Mädchens unentschiedenes
Antlitz durchscheint. Sie ist die Seele selbst,
Des Bildes Leben. Und kein Bild zerfällt.,
Die Muse hebt das Chorlied an, beginnt
Beschwerter Anmut ihren Feiertanz,
Und dieser Anfang ist das Ende; Lied
Ist starker Körper, eingehüllt vom Keimblatt
Des zugeschaffenen Raums. Der Mensch zerbricht
Und steht; er hat die Zeit ans Herz genommen
Und überwindet lebend, was ihn tötet, wird
Er selbst. Gestalt ist alles, Fliessen Schein.
Nur Körper sind – des Sehers Traumgesichte
Von ausserhalb des Himmels, fügen sich
Dem Meissel, wandeln sich in Stein und dauern,
Urfremd und wahr, dem Beter unveränderlich,
Der Geist vermählt dem Stoff sich, wenn wir liebend
In harter Mühe ihm den Stoff bereiten.