Reinhold Schneider: Bildhauer und Dichter

Dichter:

Mir tönt die Quelle der Vergänglichkeit.
Wie Muscheln nehm‘ ich Völker an mein Ohr,
Und durch das Reden der Gestalten rinnt,
Den Sang der Heere und der Schiffer, durch
Des Weisen weitverändernd Wort; des Fragers,
Der uns erschreckt mit unserm Sein, den Schrei
Der Frauen unterm Huf der Macht, das Siechtum
Ehrwürdiger Geschlechter, den Triumph
Missratener Erben, raunt und rauscht die Zeit,
Die mich erhebt und niederwirft. Sie wäscht
Vergrabne Schuld aus dem Gestein und reisst
Die Helden, leidensvolle Täter, machtwärts
In ihres Schicksals Blitze und hinab
In Schmach, den Ruhm der Heiligen und der Ritter,
Sie zehrt das Leben, das sie nährt – im Ursprung,
Das ist das dunkle Wort, ereignet sich
Das Ende, das wir schulden; – ist die Wucht
Jeglichen Falls und jeglicher Verkettung,
Das heisse Glück, die unheilbare Wunde
Der Liebe, die am Herzen des Geliebten
Den Schlag hört der Vergänglichkeit und angstvoll
Das Leben selber hemmen will am Morgen,
Dem dunklen, ewigen Lebewohls. Ich bin
Das Echo nie erblickten Katarakts,
Und was ich wahrhaft fühle, tönt kein Wort.
Gestalten, steigend, stürzend klingen an
Vom Ungeheuren, das mich übermächtigt
Und mich verstummen lässt, ehe ich es will.