Hans Urs von Balthasar: Zum Geleit

Schilling, der diese Schlacht in vordersten Reihen mitgekämpft hat, ist indes – wie seine Überlegungen in diesem Band zeigen – weit entfernt, sich auf Lorbeeren zur Ruhe zu legen. Scharfsichtiger als andere sieht er die Bedingtheit, ja Fragwürdigkeit von einigen seiner Grundbestrebungen im Dienst der Kirche: werden Taufsteine nicht demnächst überholt sein? Ist die Konzeption vom Altar, die heute den Rubriken entspricht, in der Kirche von morgen noch tragbar? An andere Grenzen stiess der Bildner von Kruzifixen. Alles bedenkt er aus der lebendigen Situation des Gläubigen in dieser Zeit immer neu, alles bleibt im Aufbruch, an nichts Erreichtem, auch wirklich Geglücktem, hat er seine Genüge, er bleibt zu jedem neuen inneren Auftrag bereit. Betrachtern, die Sinn für wahre Qualität haben, wird es nicht entgehen, wie hoch Schillings Arbeiten über dem Durchschnitt dessen stehen, was sich heute als Plastik, zumal als kirchliche Plastik, auszugeben wagt. Umso erstaunter werden sie sein, festzustellen, dass der Künstler auch in seiner Reife immerfort neu beginnt, dass sein Gesamtwerk ein Weg ist und keine Ankunft. Immer war Schilling von grosser moderner Plastik zu lernen bereit, gewissen Werken Moores, der Ziege Picassos und seinem Mann mit dem Schaf zollt er ungeteilte Bewunderung, aber keine Modernität und Berühmtheit besticht ihn. Keines seiner Werke will blenden oder wurde einer Mode zuliebe auch nur im Geringsten verändert.

Man sieht es vielleicht am besten daran, was für Schilling Abstraktion heisst und was nicht. Es gibt eine abstrakte Kunst, die sich an die Quantifizierung alles Seins durch die modernen Naturwissenschaften anschmiegt, im Glauben, diese „moderne“ Sicht des Universums erfasse die Dinge „exakt“ und habe damit die in der Natur wesenden Formprinzipien überholt und „entlarvt“. Diese Abstraktion ist praktisch nihilistisch und steuert die Welt dem Abgrund zu. Es gibt aber auch eine abstrakte Kunst, die vom Zufall der Erscheinung auf das sich selbst konstruierende Wesen zurückdenkt und sich so mit der Schaukraft einer geistigen Sinnlichkeit dem Geheimnis des Schöpferischen schlechthin nähert. Der Wille, sich dieses innere Geheimnis zeigen zu lassen, führt an einen Ort, wo die handwerkliche Redlichkeit, die künstlerische Intuition und die Demut vor dem Herrn aller Weltgestalten nicht mehr unterscheidbar sind.