Anderseits gibt Gott nicht Raum frei um des Raumes und der Quantität willen, diese bleibt immer nur eine Abstraktion, wie die ganze Mathematik. Raum ist seiner ersten Intention nach Spielraum, ein Feld, worin die Wesen sich darstellen, nach einem eigenen Wesensplan auseinanderlegen (disponieren) können. Der Seestern stellt sich dar, indem er sich, um er selbst zu sein, nach fünf Richtungen hin erstreckt. Sich er-streckend, streckt er sich zu sich selbst aus, daran wird ersichtlich, dass er sich nicht nur eines vorgegebenen Raumes bedient, sondern sich aus der eigenen Mitte Raum vorgibt, dass also das lebendige Wesen in analoger Weise selbst raumschöpferisch ist. Der Raum, den die Wesen von sich her erschaffen, reicht nicht nur knapp bis an die Grenzen ihrer Leiblichkeit, er ist reichlich bemessen, sie haben eine Aura um sich, sie strahlen sie aus, sie lassen andere Wesen darin ein oder verwehren ihnen den Zugang. So wird der von den Gestalten bevölkerte Raum zu einem intensivsten Kräftespiel von Nähe und Ferne, Anziehen und Abstossen, Beherrschen und Unterwerfen, aber auch Gewähren, Erwecken, Begnaden. Wie sollte die Einräumung solchen Raumes durch den Schöpfer, so betrachtet, nicht als letzten Sinn die Liebe haben?
Der bildende Künstler versteht das Verhältnis von Raum und Figur: dass die Figur nicht nur bestehenden Raum beansprucht, um ihr Wesen auszubreiten, sondern ebensosehr Raum entwirft, eröffnet und schenkt, indem sie sich dar-stellt. Dies verstehend, sucht er die vollkommene Selbstdarstellung, in der die Struktur der Oberfläche das ganze Wesensgeflecht der Tiefe zur Gegebenheit bringt. Was die Zerstreutheit des Lebens und die Verfilzungen der Dinge immer wieder verhindern: die in sich gesammelte, bei sich seiende Form, das befreit der Künstler zu sich selbst. Deshalb ist die vollkommene Plastik zunächst einsam. Sie ist das einmalig Gelungene, wahrhaft Ausgesagte, das aus seiner Stille um sich her Raum schafft, zugleich auf sich bannt und in Distanz hält. Grosse Plastik ist unnahbar, nur soweit zu sich heranlassend, als der Betrachter nahen muss, um zu sehen. Eine Huld strahlt von ihr aus, die wie ein Konkretwerden ist der ursprünglichen göttlichen Huld, die uns Raum schenkt. Deshalb war große Plastik mehr als die Werke anderer Künste zunächst der göttlichen Sphäre vorbehalten: der Gott, der Großkönig (Pharao), der Vollendete (Buddha). Sie alle sind einsam. Sie empfangen nicht, sondern geruhen, in unserem Raum epiphan zu werden. Sie sind wesenhaft konvex, Raum von unserem Raum nehmend, um darin ihre ruhende, selbstgenügsame Gestalt auszufalten und wortlos einen oft gewaltigen freien Raum der Verehrung um sich her zu fordern.