In Albert Schilling, Sakrale Kunst Band 8, 1966, NZN Buchverlag, Zürich, Seiten 7 – 12

Albert Schillings skulpturales Gesamtwerk ist von einer unbegreiflichen Fülle und Vielfalt. Nicht allein und nicht vor allem, weil ihn so vielerlei Dinge beschäftigt haben: der bewegte menschliche Leib (vom Überlebensgrossen bis zur Miniaturfigur), das Charakterporträt, das symbolische Zeichen, die allegorische und schliesslich die abstrakte Figur, der Altar, der Kruzifix, der Tabernakel, Kelch und Ziborium, plastische Reliefs an der Altarwand, sakrale Inschrift, der Taufstein, die Grabstele, Gestaltung und Zier der Glocken, die kultische Mariendarstellung, die Disposition der liturgischen Räume, die Kircheneingänge, das Denkmal im öffentlichen Gebäude, in Gärten und Höfen… Die wahre Fülle dieses Erfinders und Gestalters offenbart sich aber doch erst, wenn man feststellt, dass sich im ganzen Werk keine Wiederholung findet, dass jedes Werk aus einer ganz frischen Überlegung, einem neuen Entwurf hervorgeht. Man lasse die lange Reihe seiner Altäre im Geist vorbeiziehen: jeder ist neu gedacht, jeder grundverschieden, jeder aus einer zentralen, sowohl menschlichen wie biblisch-kirchlichen Schau und durchaus auch aus der jeweils gebotenen architekturalen Situation geboren. Dieses Bedürfnis Schillings, jedes Mal hinter alles Erreichte in die Mitte des Schöpferischen zurückzugehen, erklärt die starken Stilwandlungen und scheinbaren Umbrüche in seinem Gesamtwerk; wer freilich länger hinschaut, entdeckt darin auch die Kontinuität der Grundimpulse, ja er stellt fest, dass sich die letzten Absichten immer klareren Ausdruck verschaffen und dass Schilling sich an keiner entscheidenden Stelle einem anderen oder ihm selbst gegenüber Konzessionen erlaubt hat. Was er zum Beispiel mit frühen bewegten Figuren an plastischer Gesetzlichkeit ausdrücken wollte, das kehrt reiner und intensiver in abstrakten Skulpturen wieder. Dennoch ist die Entwicklung vom sogenannten Konkreten zum sogenannten Abstrakten nicht einsinnig; beides bildet für ihn keinen Gegensatz, denn für den Plastiker kann es je nur um eines gehen: das Ereignis der schöpferischen Formwerdung, den geheimnisvollen Vorgang, den Thomas von Aquin eductio formae ex potentia materiae nennt: Herausführung der Form aus den Möglichkeiten des Stoffes. Was genau gesehen weder das Aufzwingen einer (im Geist des Künstlers) vorausbestehenden Form auf den Stoff ist, noch ein Abziehen (ab-strahieren) der Form vom Stoff.