Hans Urs von Balthasar: Zum Geleit

Vielleicht steht, von diesem letzten Gedanken aus gesehen, der bildende Künstler dem schaffenden Urgrund des Seins am nächsten. Das Sechstagewerk führt uns in die Werkstatt eines Bildhauers. Nicht eines Malers (wie Calderón den schaffenden Gott als „Maler seiner Schande“ an einer Staffelei darstellt), nicht eines Musikers (wie von Pythagoras bis Schopenhauer so viele wollten: aber die Harmonie der Sphären setzt ja doch deren Existenz voraus), schon gar nicht eines Dichters. Am nächsten stünde vielleicht der Architekt, aber er bildet aus vorhandenen Materialien, und sein Werk ist ausgesprochen menschenförmig, wirkt more geometrico, weil es praktisch ist und weil dem Menschen in den von ihm entworfenen Zahlenverhältnissen wohl ist.


Gott hat kein vorhandenes Material, er „bildet“ es erst, indem er es von innen her aufbaut und ihm zuletzt sein eigenes Bild schenkt. Es gibt hier zwei untrennbare und doch unterscheidbare Akte. Der erste ist die Freigabe des Raumes. Unergründliches Geheimnis: wenn Gott Wesen vor sich haben will, muss er ihnen Raum geben, damit sie leben und sich entfalten, das ist die erste Gnade, die Gott aus den eigenen unendlichen Vorräten (woher käme denn sonst diese erste Voraussetzung des Sein-Könnens?) seinen Geschöpfen gewährt.
Raum ist Eröffnung, Lichtung, etwas ursprünglich Geisthaftes, das neues Geisthaftes ermöglicht. Er ist die Grundlage für jede mögliche Unterscheidung und Einigung, Beziehung, Spannung, Proportion, der Tummelplatz aller Kräfte und Wesen. Und weil er als erstes Freigabe und Einräumung ist, wird man nie sagen können, wie weit er der ursprüngliche Gnadenakt Gottes selbst ist (der in ihm anwest) und wie weit er, als das Freigegebene, den Geschöpfen gehört – so wie etwa der eingeräumte Kinderspielplatz den Kindern „gehört“. Nimmt man das ernst, so ist Raum, auch in seinem quantitativen Aspekt, keineswegs primär Leere und Nichtigkeit, sondern die positivste Unterlage für alle kommenden Spiele der Gestalten und ihrer Kräfte, immer wieder vorausgesetzt auf allen Stufen ihres Baus: er ist die Voraussetzung dafür, dass sich das Eine in seine Teile zerlegt und die Teile sich auf das Ganze beziehen, Voraussetzung auch, dass unterschiedliche Wesen aufeinander zu sind und doch in der Beziehung die Würde ihrer Eigenständigkeit wahren. Das quantitative Wesen des Raumes verhindert die chaotische Vermischung, erlaubt aber doch, als Kontinuum, jede freiwillige und unfreiwillige Befreundung. Kein Wesen im Raum kann völlig allein sein; der Raum selbst macht es antreffbar, entrechtet es in die Gemeinschaft hinein. Jedes räumliche Ding hat eine offene Flanke.