Und doch liegt im Wesen des Raumes immer auch das andere: die Gegenseitigkeit. Die Weise, wie eine beliebige Weltfigur – sei sie anorganisch oder lebendig – sich der Umgebung gegenüber abgrenzt, ist immer auch schon Ergebnis einer Auseinandersetzung, auf welcher Ebene auch immer: der blinden Naturkräfte, des biologischen Ringens um das Licht und die Vormacht, des geistigen Wettstreits. Wie ein Mensch als Gestalt oder Gesicht sich „gibt“, sagt immer auch die Weise, wie er sich und anderes aus dem Weltzusammenhang empfängt. Claudel (dessen Schwester Bildhauerin war) hatte für diese Zweiseitigkeit der Ausdrucksgrenze als Geben und Nehmen im Mitsein ein besonders feines Gespür und erhob sie zu einem Grundprinzip des Seins, der Erkenntnis und der Kunst.
Für diese komplementäre Wahrheit, die besonders dem Christen einleuchten muss, dürfte das, was die plastische Kunst betrifft, das zwanzigste Jahrhundert mit seiner Lösung vom Konkreten, seinem Rückgang auf reine Form, einen neuartigen Zugang geschaffen haben. Dass der Raum – oder vielmehr das in ihm lichtende Geheimnis des Seins selber – von sich her, schenkend und erweckend, die Gestalt bestimmt, dies heißt, in plastische Werke übertragen, dass die Konkavität mindestens ebenso ausdrucksvoll ist wie die Wölbung nach aussen. Das Bestimmtwerden als Sich-Bestimmen-Lassen, als Empfang des Göttlichen in uns erhält einen ganz neuen Ausdruck in Schillings Marienplastiken, die völlig auf bergende Empfängnis, behütende und befruchtende Schale und lebendigen Tabernakel hin geformt sind. Man beachte, dass das vorher über die Einsamkeit der plastischen Figur Gesagte hier nicht weniger zutrifft; doch hat sie vielleicht eine neue Qualität hinzugewonnen: Sie betrifft den Betrachter nicht nur, sie betrifft ihn als selber Betroffene. Sie erweckt als Erweckte, sie begnadet als Begnadete.