Künstlerische Präsenz

Die Arbeiten in Marmor geben einen Einblick in die Persönlichkeit des Menschen Albert Schilling. Neben der mitunter beeindruckenden Monumentalität der Auftragsarbeiten sind sie zum Teil von fast intimem Charakter, messen sie doch vielfach weniger als 50 cm in Höhe und Breite. Vorherrschend sind dabei grundsätzlich zwei Arten von Plastiken: die einen umschreiben das Thema Raum, das er bildhaft umzusetzen versucht. Die Kernaussage dieser Arbeiten zu beschreiben, fällt sichtlich schwer. Die anderen setzen sich mit den bildhauerischen Aspekten Masse und Form auseinander. Entsprechend finden sich hier oft zwei gegeneinander verschobene Formen als zentrales Motiv. Vor allem die Plastiken der letzten Gruppe erwarten von den Sinnen der Betrachter eine sorgfältige und wache Wahrnehmung ihrer Fein- und Eigenheiten. Die Kunstwerke, die einen leeren Raum definieren, gehören sicherlich zu den spirituellsten Arbeiten Albert Schillings. Dieser leere Raum ist keineswegs nur Nichts, er bezeichnet keine Leere, sondern lebt aus einer inneren Spannung – wie eben auch schon die tänzerischen Figuren der Clotilde von Derp. Man darf davon ausgehen, dass der Bildhauer über diese Plastiken mit dem Theologen Hans Urs von Balthasar in einem lebendigen Austausch stand.

Gerade seine Marmorarbeiten wollte der Bildhauer betastet wissen, er beklagte nämlich grundsätzlich den Verlust des Tastsinns in unserer visuell geprägten Zeit. Er sagte von diesem: „Er ist der ursprünglichste Sinn des Menschen, der primärste, der unmittelbarste, der handgreiflichste … Der Tastsinn lässt Dasein, Präsenz, handgreifliche Gegenwart im spürbaren Gegenüber erleben.“ Albert Schilling polierte daher Steine mit einer Struktur, um diese freizusetzen und um die Spuren der Arbeit des Bildhauers zu tilgen: „Damit ist die Ablösung vom Künstler vollkommen, so wird höchste mögliche Präsenz erreicht.“ Vor allem bei Plastiken aus dem von weissen Äderungen durchzogenen grauen Kalkstein Grigio Carnico ergeben sich dabei Effekte, die dem Stein seine Schwere nehmen und ihn fast luzide und durchsichtig erscheinen lassen. Schilling gelang es hier, Gegensätze miteinander zu versöhnen oder gar aufzuheben.