Künstlerische Präsenz

Albert Schilling – seine Arbeiten in Marmor

Jürgen Emmert, im Katalog zur Austellung von 2015 im Museum am Dom, Würzburg

Aus Anlass des 80. Geburtstages im Jahre 1984 referierte Albert Schilling bei seinem Rotary-Club unter der Überschrift „Mensch und Stein„. Das Referat wurde bei der Publikation 1986, wenige Monate vor dem Tod des Künstlers, als dessen „Summa vitae“ bezeichnet. Schilling schilderte damals ein Erlebnis, das ihn als Zwanzigjährigen bleibend prägen sollte. Es war dies ein Auftritt des deutsch-russischen Tänzerehepaares Clotilde von Derp und Alexander Sacharoff im Schauspielhaus seiner Heimatstadt Zürich. Vor allem der Auftritt von Derps, die mit minimalen Mitteln und in grosser Konzentration den Bühnenraum ausfüllte, beeindruckte den jungen Mann. Albert Schilling hat nach eigenem Bekunden in seinem Spätwerk nach Abschluss des Würzburger Auftrages versucht, dieses Vorbild in seinem künstlerischen Schaffen umzusetzen. Gerade die ephemere Kunst des Tanzes inspirierte ihn zu seinen bleibenden Marmorbildwerken, nichts scheint in sich widersprüchlicher zu sein! Den schwarzen Marmor aus dem Lahntal bearbeitete der Bildhauer erstmals für den Auftrag im Würzburger Dom. Die Härte des Materials forderte ihn heraus, dessen Schönheit hingegen faszinierte ihn. Er versuchte, wie er selbst sagte, in seinem späteren Werk „die einfachsten, eindeutigsten, klarsten Motive auf plastische Art in Stein zu realisieren“. Albert Schilling trieb damit die Abstraktion in seinen Arbeiten nochmals zum Äussersten. Er ist hierin durchaus mit dem gleichaltrigen Friedrich Press zu vergleichen, der in seinen Bildwerken ebenso auf der Suche nach äusserster Reduktion war.

Als Summe seines Arbeitens sind die Plastiken in Marmor von einigen Grundsätzen bestimmt, denen Albert Schilling sein Leben lang nacheiferte. Zunächst ist da die Suche nach Präsenz, die er ja bereits als junger Mann an der Tänzerin Clotilde von Derp bewunderte: „Der Bildhauer ist also der Mann, der den Dingen Präsenz verleiht, d.h. ein intensives Dasein. … Diese Präsenz wird immer klarer, immer bestimmter, die Steinmasse wird immer realer und der Stein selbst immer dichter.“ Verbunden damit war für ihn die Suche nach Ewigkeit. Er verwies dabei auf die ägyptische Hieroglyphe für Bildhauer, die übertragen „Mann, der den Dingen Ewigkeit verleiht“ heisst. Albert Schilling beschrieb Ewigkeit als „Gegenwart ohne Zukunft“, womit er wieder zum Begriff der Präsenz zurückkehrte.