Neben diesen philosophischen Erwägungen war die Umsetzung seiner Plastiken von der Suche nach dem konkaven und somit dem leeren Raum bestimmt, den auch eine Tänzerin in ihren Bühnenskulpturen definierte. Schon die Form des Sakramentshauses im Kiliansdom ist ein sprechender Ausdruck dieser Suche. Der leere, hohle Raum war für Albert Schilling kein Selbstzweck. Vielmehr schien für ihn „der hohle Raum mehr Spiritualität auszustrahlen, als es die konvexe Steinmasse vermag. Die konvexe Masse strahlt Wucht aus, Aktivität, Aggressivität, Präsenz, Selbstbehauptung. Die konkave, hohle Form zeigt Geborgenheit, Stille, Konzentration, Geheimnis, Entmaterialisation, Antimonumentalität, Bescheidenheit.“ Vielfach sind diese Arbeiten lediglich als „Gehöhlter Stein“, als „Mythischer Raum“, als „Gehöhlter Stein“ oder eher prosaisch als „Zwei Konkave berühren sich“ bezeichnet. Oftmals jedoch tragen sie Titel, die die Suche des Künstlers nach spirituellem Ausdruck reflektieren. Albert Schilling griff dabei zum Beispiel gerne auf Anrufungen Mariens aus der lauretanischen Litanei zurück. Diese Gebetsrufe reichen bis in das 12. Jahrhundert zurück und sind reich an Bildern und Symbolen. Albert Schilling liebte Sprache und nutzte sie selbst äusserst gekonnt. Er formulierte nicht nur sehr versiert, sondern schrieb auch Gedichte, von denen hier im Katalog eine Auswahl zu finden ist. Die marianischen Ehrentitel gab er stets in lateinischer Sprache wieder. Er bewegte sich damit ein Stück gegen den Strom des Zeitgeistes, da in den 1970er- und 1980er-Jahren Latein als Liturgiesprache nahezu verschwunden war. Immer wieder liess Albert Schilling in den Texten zudem seine Kenntnis (kunst-)historischer Zusammenhänge erkennen. Auch seine Gedichte sind von der Lyrik vergangener Jahrhunderte inspiriert, so etwa von dem englischen Romantiker John Keats (1795 – 1821) oder dem in der Schweiz verstorbenen Rainer Maria Rilke (1875 – 1926).


