Wenn wir den gewaltigen Aufwand betrachten, den das Mittelalter machte, um die Kirche von der Welt abzugrenzen und diese Welt zugleich einzuladen, die abgrenzenden Hindernisse zu übersteigen, dann stellt sich sogleich die Frage nach unserer heutigen Situation.
Es wäre zu primitiv und falsch gedacht, wollten wir mit den Stilmitteln unserer Zeit ähnliche Lösungen versuchen. Es kann nicht darum gehen, dass der Bildhauer mit seinen Skulpturen am Eingang die Grösse, Würde oder Erhabenheit des Kirchenraumes gleichsam schon von aussen vorspiegelt oder repräsentiert. Sicher bietet sich dem Bildhauer kaum eine köstlichere Gelegenheit, seinen skulpturalen Sinn zu entfalten, als dies etwa eine Bronzetüre gestattet. Aber die innere Berechtigung zu einem solchen Aufwand wäre nur gegeben, wenn viele andere Voraussetzungen in einem Kirchenbau unserer Zeit: städtebauliche, soziologische, pastorale, architektonische usw., vorrangig glücklich gelöst wären. Dann erst könnte sich zeigen, ob etwa der Aufwand eines Bronzeportals überhaupt noch wünschenswert wäre. In unseren Städten sind jene Kirchen die zukunftsträchtigsten, die eingebaut sind in ein Pfarrzentrum, das nach aussen kaum mehr eine sogenannte Fassade aufweist, dafür aber im Inneren eine um so grössere Geborgenheit spürbar macht.
Es bestehen bereits Baukomplexe, wo das pfarrliche Leben in den „Vorhöfen der Kirche“ sich abspielt, wo nicht nur Pfarrhaus, Pfarrsaal, Unterrichtszimmer und Kindergarten eingebaut sind, sondern auch Bibliothek und Lesezimmer Gelegenheit zu privaten Gesprächen oder einem kleinen Imbiss und einem Gang im Garten bieten und die so das Bewusstsein der Geborgenheit in der Gemeinschaft vermitteln.
Wenn bei solchen Lösungen auch die entscheidende Gestaltung beim Architekten liegt und es scheinbar kaum ersichtlich ist, was der Bildhauer beitragen kann, so wäre es doch schade, auf seine Mitarbeit verzichten zu wollen; verfügt er doch über viel differenziertere Mittel, wohl zur Intensivierung eines Volumens wie zur Sensibilisierung des Raumes. Es sind dies Qualitäten, die dem Menschen seine eigene Körperlichkeit intensiver fühlbar machen und damit auch das Erlebnis des Hinein- und Hindurchgehens. Hindurchgehen vom Gehetztwerden zur Geborgenheit, vom Lärm in die Stille, von der Zerstreuung in die Sammlung, Übergänge, die vom Künstler einen Verzicht auf alles Demonstrative oder gar Monumentale voraussetzen. Wir haben uns leider daran gewöhnt, nur das Aussergewöhnliche, das zum Notwendigen noch Hinzugefügte als Kunst zu betrachten, also gerade das, worauf wir in unserer engen Situation der stets wachsenden Diaspora verzichten könnten oder oft müssten. Aber gerade dieser Umstand ist geeignet, ins Gebiet der wirklichen Kunst vorzustossen, in jene gestalterischen Bereiche, wo wir nicht mehr mit dekorativen Mitteln eine Situation zu übersteigern versuchen, sondern mit den primärsten Mitteln den Räumen und Situationen die grösstmögliche Dinglichkeit verleihen. Damit lassen wir jene herkömmliche sogenannte Kirchenkunst weit hinter uns und finden den Weg zu dem, was wir vielleicht erst später als wirkliche Kunst erleben.
