Vom Kircheneingang

Albert Schilling, in „Albert Schilling“, Sakrale Kunst Band 8, 1966, NZN Buchverlag, Zürich, Seiten 38 – 40

Es gibt wenige Aufgaben, die für einen Bildhauer verlockender sein könnten als die Gestaltung des Kircheneingangs, sofern der Künstler nicht nur ein Dekorateur ist, sondern die Aufgabe in ihrem ganzen Umfang erfasst. Das Wort „Kircheneingang“ wurde gewählt im Gegensatz zum Worte „Kirchentüre“ oder „Portal“. Es handelt sich also vorerst um eine Funktion, um „das Hineingehen der Gläubigen in den Kirchenraum“. Die Türe selber stellt eigentlich nur die Abschliessmöglichkeit des Kirchenraumes dar. Sie ist eine vertikale Fläche, welche geöffnet den Besucher einlädt und geschlossen ihn zurückweist. Der Besucher steht dann „vor einer Wand“.

Der Kircheneingang umfasst aber nicht nur diese schliessbare Wand, die Türe, er umfasst vielmehr die Situationen vor, beim und nach dem Hineingehen. Er vermittelt den Übergang vom Raum der lauten Weltlichkeit in den Raum des Gebetes.

Die Architekten haben seit jeher diesem Hinein-, Hindurch- und Hinübergehen ihre ganze Aufmerksamkeit geschenkt; denken wir nur an den Vorhof, den Narthex, an Niveauänderungen vor oder nach der Türe, an die tiefenmässige Stufung des Türgewändes, an freikünstlerischen Schmuck, an Einengungen und Erweiterungen unmitteibar anstossender Räume und an ungezählte subtile Einzelheiten.

Ein weitbekanntes Beispiel möge uns etwas von dem Ernst vermitteln, mit dem romanische Künstler die Aufgabe angegangen sind: es ist der Kircheneingang von St. Zeno in Verona. Es ist bedauerlich, dass fast jeder Gebildete den Bronzeschnmuck der dortigen Türen kennt, die wenigsten aber sich des Aufwandes bewusst werden, der nicht mit skulpturalen, sondern rein architektonischen Mitteln gemacht wird:

Vor dem Portal ist ein Stufenberg erbaut. Dieser ist nicht etwa mit einer Breitseite an die Kirchenfassade angelehnt, sondern er fällt gegen die Fassade wieder ab. Er steht also allseitig frei vor dem Eingang. Das Podest aber ist als Brücke zum Portal hinüber geführt. Diese Brücke trägt beidseitig die Löwen mit den Säulen, das Gewölbe unter dem Vordach. Dann erreicht man die reliefgeschmückte Fassade und die Bronzetüre. Und wenn wir das Podest im Kircheninneren erreicht haben, so müssen oder dürfen wir den ganzen Stufenberg, den wir vor der Kirche erklommen haben, im Inneren wieder hinabsteigen, um das Niveau des Kirchenschiffes zu gewinnen.

Es wäre nun ganz falsch zu glauben, wir könnten solche Dinge, solche Mittel des Hinübergehens nachahmen. Gewöhnlich wird ja auch nur das Augenfälligste, die romanische Bronzetüre, irgendwie nachgeahmt, anstatt dass Lösungen aus unseren heutigen Bedürfnissen gesucht werden.