Erinnerungen an Albert Schilling

Von Catherine Chrétien, Bildhauerin, Berlin (in Erinnerungen, 2004)

Als Albert Schilling bei meinen Eltern Fotografien meiner ersten Bildhauerarbeiten sah, bot er mir an, ihm bei dem Innenausbau der Kapelle im Bruderholzspital zu assistieren. So bekam ich einen guten Einblick in den Alltag eines Bildhauers. Schilling erklärte mir jede Handbewegung und alle Entscheidungen, die er traf. Er liess mich tüchtig mitwerken und wo er hinging, nahm er mich möglichst mit. Wenn nicht, blieb ich in seinem Atelier und arbeitete an einer eigenen Arbeit, die er mir aufgab. Einmal musste ich seine in Gips abgeformte Hand in Ton nachmodellieren. Wie ihm seinerzeit Gustav Seitz in Berlin, bewies Schilling mir anhand eines Fadens, den er kreuz und quer über die Hand legte, wie unendlich reich oder wie unendlich einfach die Natur geschaffen ist. Ich lernte sehen, wie an einem natürlichen Körper die verschiedenen Flächen jeweils an einer Stelle nahtlos ineinander übergehen, da ist die Natur einfach. Und wie ansonsten sich die unterschiedlichen Flächen kantig voneinander absetzen, da ist die Natur reich und kompliziert. Im gemeinsamen Arbeiten zeigte mir Schilling das Umsetzen von Projekten, auch lernte ich weitere Materialien und Techniken kennen.

Bald kam es vor, dass ich zusammen mit der Familie Schilling am gedeckten Mittagstisch sass. Ich liebte es, während des Schmausens den originellen Erzählungen von Frau Agnes Schilling zu lauschen. Besonders schön war es, wenn sich Tochter Roswita mit Baby Romana dazugesellte.