Albert Schilling – wahrnehmen.

Der Weg zur Wahrnehmung begründet sich in dem Verlangen, von allen einengenden Sichtweisen frei und für das offen zu werden, was unabhängig von Zeit und Raum, was jenseits unseres Welttheaters existiert und waltet. Durch diesen existenziellen Drang nach Wahrnehmung öffnet sich der Mensch dem Absoluten, der Transzendenz, das bzw. die die Wahrheit ist. Die eingangs genannte Verweigerung um einer Entzeitlichung willen ist eine von vielen Möglichkeiten, sich dem Diktat der Zeit zu entwinden und sich dadurch für die Wahrnehmung einer zeitlosen Wirklichkeit zu öffnen. Zu dieser genannten Möglichkeit gesellt sich als eine weitere die der Kunst einschliesslich der Prozesse, auf die sich die Person des Künstlers in ihrem Schaffen einlässt und die vom Willen bestimmt sind, Wege der Wahrnehmung zu entdecken und zu eröffnen. Von daher ist es nur zu verständlich, dass für die Präsentation von Werken des Schweizer Bildhauers Albert Schilling der Titel „wahrnehmen“ gewählt wurde, findet doch darin das Verlangen des Künstlers ebenso seinen Ausdruck wie der Auftrag, dem er sich im Blick auf die nach Wahrheit suchenden Menschen mit seinem Werk stellt. Diesen Titel allein auf die zu weckende Aufmerksamkeit für das Werk von Albert Schilling zu beziehen, wäre zu vordergründig gedacht. Stattdessen zielt er darauf ab, dass die Betrachter seiner Werke sich auf die Sensibilität des Künstlers für die Existenz der Wahrheit und sein Bemühen um deren Aufspüren einlassen, um so mit ihm Anteil an der Wahrheit zu erlangen, die allem Sichtbaren innewohnt und diesem vom Künstler spurenhaft entlockt wird.

Jenseits aller Funktionalität, die entweder auf Dekor des Lebensraumes abzielt oder von der beabsichtigten Nutzungsmöglichkeit bestimmt ist, verleiht Albert Schilling mit jedem seiner Werke dem Raum, in dem sie ihre Aufstellung finden, eine über den Raum hinausweisende inhaltliche Mitte als Ausgangspunkt eines transzendentalen Wahrnehmungsprozesses. Diese inhaltliche Bestimmung erwächst aber nicht aus einem Programm des Künstlers, sondern aus dem verarbeiteten Material selbst. Die künstlerische Tätigkeit deckt in höchster Empfindsamkeit nur auf, was dem Material innewohnt. Diese Sensibilität, die bei der Berührung der Steinarbeiten von Albert Schilling ertast- und spürbar wird, steht beispielhaft für diejenige, in der allein sich der Mensch auf den Prozess des Wahrnehmens einlassen kann.

Wie sich Albert Schilling auf das über die transzendentale Wechselbeziehung von Werk und Raum Gesagte einlässt, kann als Beispiel auch in Altar– und Altarraumgestaltung des Würzburger Doms wahrgenommen werden. Wird auch in der Form des Altares die Assoziation eines Tisches geweckt, so entzieht sich die Altargestalt zugleich dieser Bezugnahme auf die liturgische Nutzung, um über sich hinaus auf die Unvorstellbarkeit des himmlischen Mahles sowie der Begegnung von Himmel und Erde im liturgischen Geschehen am Altar samt der an ihm gefeierten Vergegenwärtigung Gottes zu verweisen. Die Aufstellung in der Mitte der sich kreuzenden Räume als Zentrum der Vierung lässt erkennen, von woher der Mensch seine eigene Mitte erhoffen und erwarten darf. Das Thema der Gegenwart Gottes klingt ebenfalls in der Gestaltnahme der Tabernakelstele an. Das Wort Jahwes aus dem brennenden Dornbusch wie das reinigende Feuer und auch die Flammen des Geistes drängen sich als Assoziationen auf, ohne dass sich Albert Schilling festzulegen bereit ist. Eindeutig ist aber die vertikale Ausrichtung dieser Skulptur, die fernab einer Fixierung auf die Ebene des Irdischen die Augen in die Höhe führt, gleichsam als menschliche Reaktion auf die Wahrnehmung des Menschen und Zuwendung zu ihm seitens unseres Gottes.