Albert Schilling – wahrnehmen.

Jürgen Lenssen, im Katalog zur Austellung von 2015 im Museum am Dom, Würzburg

Ein Merkmal unserer Zeit ist gewiss, dass wir uns unsere Welt und unsere Lebensvollzüge in ihr mehr denn je durch Zeichen und Symbole erschliessen. Per gewählter Zeichen holen wir uns bei den hierfür entwickelten Netzwerken Informationen ein oder stellen Kommunikation  her. Wer die Angebote und Techniken der Telekommunikation nicht beherrscht, ist in vielen Bereichen vom allgemein vorausgesetzten Informationsstand wie auch von den Möglichkeiten, ihn zu erlangen, ebenso ausgeschlossen wie von geschäftlichen Vollzügen. Gegenüber Menschen, die sich wie ich dem Internet und allen anderen angebotenen technischen Kommunikationsmöglichkeiten verweigern, wird der Vorwurf des Anachronismus erhoben. Mit ihrer Verweigerung würden sie nicht ihrer Zeit und deren Entwicklung entsprechen, sich aus den modernen Kommunikationsformen ausklinken und sich selbst um die in bislang ungeahnter Schnelligkeit für ihre Lebens- und Weltsicht notwendigen Informationen samt der daraus zu gewinnenden Erkenntnisse bringen.

Entscheidend für den Anreiz und Erfolg dieser neuen technischen Möglichkeiten ist der Faktor Zeit. Das Übertragungstempo der Informationen gewährleistet aber nicht von vornherein eine vergleichbare Schnelligkeit in deren Aufnahme und führt dadurch eher zu Verkürzungen in der Wahrnehmung. Eine weitere Verkürzung ist dann gegeben, wenn die eigene Wahrnehmung sich von dem Informationspotential abhängig macht, das durch jeweilige Anbieter geprägt wird. Dadurch wird der persönliche Prozess des Sich-Annäherns an die innere Erfassung, die Wertung sowie die Bedeutung des zu Sehenden, die Wahrnehmung voraussetzt, ausgegrenzt. Nicht die Fülle an Informationen und auch nicht die Schnelligkeit ihrer Übermittlung sind entscheidend für die Wahrnehmung dessen, was uns Leben und Welt bereithalten. Entscheidend sind allein der persönliche Wille, sich der Wahrheit öffnen zu wollen, und die innere Offenheit, sich von ihr jenseits aller Schemata und Eingrenzungen überraschen zu lassen – wohl darum wissend, dass dieser Prozess mehr von Ahnung als von der Gewissheit der Erfassung der Wahrheit bestimmt ist, denn Wahrheit hat einen absoluten Charakter im Gegenüberstand zur Relativität unserer Erfassungsmöglichkeiten.