Jahre vergingen, bis ich Albert einen anderen Dienst erweisen durfte. Dem Korrespondenten im Nahen Osten, der von Beirut aus die Szene verfolgte, war die Palästinafrage mit all ihren Polemiken und Härten zum täglichen Brot geworden. In der Schweiz rückte sie mehr ins Bewusstsein der Menschen, als die Palästinenser Ende 1965 begannen, einen Volkswiderstand gegen Israel auszulösen, weil sie nicht länger bloss „Flüchtlinge“ sein wollten, sondern als ein vertriebenes, um seine Rechte kämpfendes Volk anerkannt. Ich hatte beständig darüber zu berichten und mich mit den neuen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Der Sechstagekrieg von 1967 ging über die Bühne, und Israel besetzte große Gebiete, die bisher arabische Länder gewesen waren. Der Widerstand wuchs an, und die palästinensischen Thesen fanden ein Echo in bestimmten Kreisen auch in der Schweiz, wo früher kaum je Kritik an Israel geübt worden war. Zuerst begannen die linksgerichteten Intellektuellen, die damals auch mit Bewunderung auf die Guerilla im Vietnamkrieg schauten, mit dem palästinensischen „Volkswiderstand“ zu sympathisieren. Albert wollte wissen, was davon zu halten wäre. Wie beinahe alle Schweizer hatte er im Sechstagekrieg für die Israelis gebangt und war sehr erleichtert gewesen, als die Gefahr sich in einen blendenden Sieg verwandelte. Nun aber wollte er wissen, ob er sich damals getäuscht habe – waren die Israelis gar nicht die Opfer, sondern die Palästinenser, wie es die neue Sichtweise wollte? Er kam und besuchte das Haus meiner Mutter, als ich vorübergehend dort weilte, um meine Meinung darüber zu hören. Sein hellhöriges Gewissen brachte die Frage auf. Ich konnte ihm alle Argumente und Gegenargumente der beiden Seiten zu zitieren. Schon damals war mir klar, dass Unrecht auf beiden Seiten vorlag. Die Vertreibung der Israelis aus ihrem neuen Staat würde nur weiteres Unrecht bringen, so sagte ich Albert. Doch mir schien auch evident, dass die Israelis die eroberten Gebiete gegen Frieden wieder herausgeben sollten. Dass sie das schliesslich tun würden, konnte man damals noch glauben. Doch diese Annahme erwies sich später als falsch. Die unaufhaltsam wachsende Zahl der Siedler bewies über die folgenden 35 Jahre hinweg immer deutlicher, dass es mächtige Kräfte im israelischen Staate gab, die darauf ausgingen, das eroberte Land, soweit es nur gehe, unter israelischer Kontrolle zu halten. Damals schien es noch eine Möglichkeit von „Land gegen Frieden“ zu geben, wie sie die Nachkriegsresolution 242 der UNO schon am 22. November 1967 vorzeichnete. Das alles konnte ich in einem längeren Gespräch Albert erklären, und er war sichtlich erleichtert und froh über die denkbaren Versöhnungsmöglichkeiten und Friedensaussichten. – Die freilich viel später, als er schon nicht mehr auf Erden weilte, bitter zugrunde gingen.