Vom Atelier her trug Albert seine künstlerischen Anliegen und Fragestellungen auch in den Wohnraum zu seiner Familie und seinen Gästen. Nicht, dass er beständig darüber geredet hätte. Er konnte auch sehr gut zuhören. Doch seine Präsenz liess verspüren, dass man vor jemandem stand, der sich in beiden Sphären bewegte – auf beiden „Hängen“ (vertiente) sagt das Spanische, wie ich damals lernen sollte, auf dem praktisch-handwerklichen einerseits und dem suchenden, strebenden, ek-sistenziellen, das hieß dem sich aussetzenden, hingebenden „Gegenhang“. Beide kamen sie, wenn das Glück hielt, irgendwo auf den Höhen zusammen. Das gab dann „eine Skulptur“.
Ich war inzwischen dem Gymnasium entwachsen und eher zögernd und ungewiss über das Weitere ins erste Semester gelangt. Der Krieg war soeben vorbei, und ich war aufgeboten, im Sommer die erste Nachkriegs-Rekrutenschule zu absolvieren. Meine Familie befand sich in Sommerferien, ich war alleine mit meinen Büchern zuhause geblieben, um den Termin des Aufgebots abzuwarten. Wie es damals Vorschrift war, hatte ich mich zum Coiffeur begeben, um mein Haar ganz kurz scheren zu lassen. Agnes Schilling lud mich zum Essen ein, und als wir uns in Arlesheim an den Tisch setzten, schaute Albert immer wieder auf meinen nackten Kopf – so intensiv, dass ich verlegen wurde. Er entschuldigte sich und erklärte mir, dass er fast nie eine Kopfform sehe, so wie sie eigentlich sei. Immer sei sie von Haaren und Locken verkleidet. Darum interessierte ihn mein geschorener Kopf. Es gehe ihm um die echte Form des soliden Schädels. Meine Verlegenheit wich der Befriedigung darüber, dass mein haarloser Kopf – wenn nicht mir so doch dem Künstler – nützlich sein konnte.