Albert Schilling, Wegweiser und Freund

Später bauten die Schillings ein Haus in der Nähe von Basel, in Arlesheim, und rückten dadurch in unsere Nähe. Das gab Anlass zu vielen Besuchen „auf dem Land“, denn es gab dort offene Wesen und einen großen Garten mit einem Kirschbaum, auf den wir steigen durften, wenn die Früchte reif wurden. Agnes hatte fast immer einen Kuchen gebacken, wenn wir zu Besuch kamen, und es gab einen nahrhaften Nachmittagsschmaus für ihre eigenen drei Töchter und uns drei allmählich aufwachsende Kinder. Dabei war viel von alten Familienerinnerungen die Rede. Doch zu jedem Besuch gehörte auch das Atelier, und Albert zeigte gern die Arbeiten, die ihn gerade beschäftigten. Er erklärte, was ihn daran interessierte, er gab einen mündlichen und persönlichen Kommentar zu dem, was man zu sehen bekam, der einer Einführung in die bildende Kunst von der praktischen, handwerklichen Seite her glich, wobei aber doch das geistige Anliegen immer durch blickte. Ich kam in ein Alter, in dem Kunst mich zu interessieren begann. Vor allem war es die Literatur; doch gerade Albert half mir zu begreifen, dass die Künste, solche des Wortes und solche des Pinsels und des Meissels, gemeinsamen Anliegen nachgingen. Es ging immer um das, was abstrahierende und rationale Begriffe letzten Endes nicht fassen konnten. Dies hatten die Künste mit den Religionen gemeinsam, so schien mir. Albert wusste viel von beiden, wenn er gleich nicht immer alles besprach, was er darüber dachte und empfand. Das war ja gerade das Besondere an aller wahren Kunst, dass sie nicht oder allerhöchstens ganz approximativ in Worte zu fassen und begrifflich umschreibbar war. Sogar wenn ihre Werke als Studienobjekte dienten. Und war es anders mit den Religionen? Sie brauchten Parabeln, Mythen, Geschichten, um sicht- und greifbar zu werden. Die Wahrheit von beiden hatte wenig mit dem wissenschaftlichen Wahrheitsbegriff des laufenden Jahrhunderts zu tun, der auf Errechenbarkeit und Wiederholbarkeit beruhte. All dies kam mehr zur Anschauung als zur Sprache; doch gerade die Anschauung half, die rationale „faktische“ Ebene, in der wir uns in der Schule und später im Studium bewegten, als die bloss eine Seite des „Existentiellen“ zu fassen, von dem man damals gern sprach. War sie letztlich nicht die eigentlich weniger wichtige? Trotz ihrem großen Gewicht in unserem täglichen Leben? Mit Albert zusammenzukommen, war für mich oft ein Schritt hinaus aus dem Tagesleben, eben ins Atelier, wo eine Suche stattfand und gelebt wurde, die nach Anderem Ausschau hielt als den Tagessorgen und Tageserfolgen.