Albert Schilling in Alt-Ägypten

Aus dem Fundus seiner bildnerischen Erfahrung konnte er im folgenden Gespräch den Unterschied zwischen alt-aegyptischer und klassisch-griechischer Bildhauersprache veranschaulichen: der Typus der strengsteifen Jünglinge frühgriechischer Zeit des 6. Jahrhunderts vor Christus, etwa der argivische Kouros Kleobis in Delphi, entwickelte sich, vom stets sich freier erlebten Menschenbild griechischer Klassik geprägt, zum frei sich im offenen Raum und der gegenwärtig erfahrenen Zeit Ausdruck gebend, zur ausgreifenden Figur des Diskuswerfers von Myron (um 450 v.Chr.) und des Diadumenos von Periklet.

Anders wandelte sich in Alt-Aegypten die bildnerische Konzeption der hieratischen Menschen von den Stehfiguren der Frühzeit, mit ihren jeden offenen Freiraum vermeidenden, satt angelegten Gliedern, immer entschiedener zurückgenommen aus vergänglicher Zeit und irdischem Raum in die alles geschlossen umfangende Ewigkeit des Göttlichen: sichtbar in einem Würfelhocker wie dieser großartige Bek-en-Chons.  Mich freute, dass sich Albert Schilling im Frühjahr 1962 einer meiner schon mehrmals durchgeführten Studien-Reisen nach Ägypten anschloss. Später sind so auch der Maler Ferdinand Gehr und ein andermal der Dadaist, Plastiker und Dichter Jean Arp mitgekommen. Ihre Augen und ihre persönliche künstlerische Formkraft haben mich manches Bekannte in Gesprächen vertieft und neu sehen lassen.

Die Fahrt unserer kleinen Studiengruppe führte von Kairo, Gizeh und Memphis den Nil hoch zu den Tempeln und Gräbern wie Dendera, Luxor, Kom Ombo, Edfu, Assuan bis nach Abu Simbel. Im Steinbruch von Assuan etwa diskutierten wir, insbesondere vor dem unvollendet liegen gebliebenen Obelisken, die verschiedenen Möglichkeiten der Freilegung und Bearbeitung des harten Urgesteins und die trotz verschiedenster Theorien noch immer nicht ganz geklärten Meissel- und Transport-Methoden.