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Erinnerungen
an Albert Schilling
Albert Schilling in Alt-Ägypten
Von Robert Th. Stoll
Kunsthistoriker, Basel
Eindrücklich bleibt mir ein Gespräch mit
Albert Schilling vor dem Würfelhocker des Bek-en-Chons, der, von der
Glyptothek München ausgeliehen, in der Kunsthalle Basel zu sehen war. Nach
aufwendigen Vorbereitungen hatte ich im Sommer 1953 eine 275 Exponate
umfassende Ausstellung „Schätze Alt-aegyptischer Kunst" mit Leihgaben aus
mehreren europäischen Museen und Privatsammlungen veranstalten können.
Schilling, der schon an der Vernissage
anwesend war, kam mehrmals wieder. Von zweierlei Aspekten der ausgestellten
Objekte, von frühzeitlichen Schiefer-Schminktafeln über Reliefs der
Amarna-Periode Echnatons bis zu den mächtigen steinernen Sitzgruppen und
Standfiguren war der Bildhauer tief beeindruckt: einmal die differenzierte
Steinmetzarbeit im Kleinen etwa der Hieroglyphenschriften, zum andern die
gespannten Volumina der hieratischen Steinstatuen, wie der 1.50 m hohe
Sebek-em-Sauf aus schwarzem Granit (Wien).
Doch der 1,40 m hohe massive Kalksteinblock
des Bek-en-Chons der 19. Dynastie im hochentwickelten Neuen Reich hatte es
ihm besonders angetan. Es ist ein Memorial-Monument für den mächtigen
Hohepriester des Gottes Amun in Karnak. Ganz zusammengekauert sitzt der
Mann, die Beine dicht am Leib angeschlossen, die Arme über die kinnhohen
Knie quergelegt, Als sogenannter Würfelhocker ist er ein erstaunliches
Beispiel für die Reifestufe alt-aegyptischer Geistigkeit und Bildhauerkunst.
Aus dem Block über zwei Sockelstufen stossen nur die Füsse vor, oben ragt
der Perückenkopf berggleich über den Körperwürfel. Auf der kompakten
Vorderseite ist in feinster Hieroglyphenschrift ein Opfergebet an Amun
eingemeisselt, auf der Rückenseite der Lebenslauf dieses hohen
Repräsentanten der Zeit Ramses II.
Wir standen lange davor. Albert Schilling
legte still fühlend seine Hände an den Block, neben dem wir Heutigen
unwesentlich wurden und sagte: „Dieser Mensch ist ganz eingegangen in die
Gotteskraft, der er diente."
Aus dem Fundus seiner bildnerischen
Erfahrung konnte er im folgenden Gespräch den Unterschied zwischen
alt-aegyptischer und klassisch griechischer Bildhauersprache
veranschaulichen: der Typus der strengsteifen Jünglinge frühgriechischer
Zeit des 6. Jahrhunderts vor Christus, etwa der argivische Kuros Kleobis in
Delphi, entwickelte sich, vom stets sich freier erlebten Menschenbild
griechischer Klassik geprägt, zum frei sich im offenen Raum und der
gegenwärtig erfahrenen Zeit Ausdruck gebend, zur ausgreifenden Figur des
Diskuswerfers von Myron (um 450 v.Chr.) und des Diadumenos von Periklet.
Anders wandelte sich in Alt-Aegypten die
bildnerische Konzeption der hieratischen Menschen von den Stehfiguren der
Frühzeit mit ihren, jeden offenen Freiraum vermeidenden, satt angelegten
Gliedern, immer entschiedener zurückgenommen aus vergänglicher Zeit und
irdischem Raum in die alles geschlossen umfangende Ewigkeit des Göttlichen:
sichtbar in einem Würfelhocker wie dieser grossartige Bek-en-Chons. Mich
freute, dass sich Albert Schilling im Frühjahr 1962 einer meiner schon
mehrmals durchgeführten Studien-Reisen nach Aegypten anschloss. Später sind
so auch der Maler Ferdinand Gehr und ein andermal der Dadaist, Plastiker und
Dichter Jean Arp mitgekommen. Ihre Augen und ihre persönliche künstlerische
Formkraft haben mich manches Bekannte in Gesprächen vertieft und neu sehen
lassen.
Die Fahrt unserer kleinen Studiengruppe
führte von Kairo, Gizeh und Memphis den Nil hoch zu den Tempeln und Gräbern
wie Dendera, Luxor, Kom Ombo, Edfu, Assuan bis nach Abu Simbel. Im
Steinbruch von Assuan etwa diskutierten wir, insbesondere vor dem
unvollendet liegen gebliebenen Obelisken, die verschiedenen Möglichkeiten
der Freilegung und Bearbeitung des harten Urgesteins und die trotz
verschiedenster Theorien noch immer nicht ganz geklärten Meissel- und
Transport-Methoden.
Ein Ereignis im Umkreis von Assuan bleibt
mir besonders lebhaft in Erinnerung. Mit der Schilling-Gruppe unternahm ich
einen sonst nicht üblichen Ausflug zu jenem alten Ruinenkomplex in der
südwestlichen Wüste, das dem frühchristlichen aegyptischen Eremiten Simeon
zubenannte Kloster aus dem 8. Jahrhundert. Ich wollte insbesondere dem
Bildhauer-Theologen ein faszinierendes Symbolzeichen zeigen.
Mit Schilling stiegen wir hinab in die
kleine überwölbte Mönchzelle, wo ich seine langsam dem Dämmer sich
anpassenden Augen auf das Dreiecks-Zeichen hoch an der alten Kalkwand
lenkte. Schilling stand tief betroffen schweigend davor. Dann sagte er
leise: „So klar und eindeutig ist mir das Zeichen der Drei-Einigkeit nie
begegnet. Hier ist das Geheimnis der Drei-Faltigkeit wortlos bildhaft
geworden." Ein Wüstenmönch muss es in einer Innen-Schau gesehen und betend
handgross an die Wand seiner Zelle gepinselt haben zur bleibenden,
unfasslich Göttliches erfahrenden Meditation.
Schilling hat das Dreieckssymbol dann still
in sein Skizzenbuch eingezeichnet, mehrmals ansetzend, weil es ihm auf
ersten Anhieb gar nicht gelingen wollte.
Heimgekehrt hat er später dieses vom
frühchristlichen Mönch gemalte Zeichen mehrmals in die tastbare Körperform
eines Reliefs eingestaltet. Einem fast zwei Tonnen schweren Kalkblock zur
Erinnerung an seinen Freund, den ersten Pfarrer der Basler Bruderholzpfarrei
Robert Lang (1961-1976), eingemeisselt, bleibt dieses, wie es Schilling
genannt hat „wesentlichste Symbol der Trinität" im wechselnden Tageslicht
auf dem Platz vor der Kirche dauernd allen Kirchgängern zur Betrachtung
sichtbar. |