Albert Schilling (1904-1987)

 

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Aktualisiert am
26.04.2004 von
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 Erinnerungen an Albert Schilling

Albert Schilling in Alt-Ägypten

Von Robert Th. Stoll
Kunsthistoriker, Basel

Eindrücklich bleibt mir ein Gespräch mit Albert Schilling vor dem Würfelhocker des Bek-en-Chons, der, von der Glyptothek München ausgeliehen, in der Kunsthalle Basel zu sehen war. Nach aufwendigen Vorbereitungen hatte ich im Sommer 1953 eine 275 Exponate umfassende Ausstellung „Schätze Alt-aegyptischer Kunst" mit Leihgaben aus mehreren europäischen Museen und Privatsammlungen veranstalten können.

Schilling, der schon an der Vernissage anwesend war, kam mehrmals wieder. Von zweierlei Aspekten der ausgestellten Objekte, von frühzeitlichen Schiefer-Schminktafeln über Reliefs der Amarna-Periode Echnatons bis zu den mächtigen steinernen Sitzgruppen und Standfiguren war der Bildhauer tief beeindruckt: einmal die differenzierte Steinmetzarbeit im Kleinen etwa der Hieroglyphenschriften, zum andern die gespannten Volumina der hieratischen Steinstatuen, wie der 1.50 m hohe Sebek-em-Sauf aus schwarzem Granit (Wien).

Doch der 1,40 m hohe massive Kalksteinblock des Bek-en-Chons der 19. Dynastie im hochentwickelten Neuen Reich hatte es ihm besonders angetan. Es ist ein Memorial-Monument für den mächtigen Hohepriester des Gottes Amun in Karnak. Ganz zusammengekauert sitzt der Mann, die Beine dicht am Leib angeschlossen, die Arme über die kinnhohen Knie quergelegt, Als sogenannter Würfelhocker ist er ein erstaunliches Beispiel für die Reifestufe alt-aegyptischer Geistigkeit und Bildhauerkunst. Aus dem Block über zwei Sockelstufen stossen nur die Füsse vor, oben ragt der Perückenkopf berggleich über den Körperwürfel. Auf der kompakten Vorderseite ist in feinster Hieroglyphenschrift ein Opfergebet an Amun eingemeisselt, auf der Rückenseite der Lebenslauf dieses hohen Repräsentanten der Zeit Ramses II.

Wir standen lange davor. Albert Schilling legte still fühlend seine Hände an den Block, neben dem wir Heutigen unwesentlich wurden und sagte: „Dieser Mensch ist ganz eingegangen in die Gotteskraft, der er diente."

Aus dem Fundus seiner bildnerischen Erfahrung konnte er im folgenden Gespräch den Unterschied zwischen alt-aegyptischer und klassisch griechischer Bildhauersprache veranschaulichen: der Typus der strengsteifen Jünglinge frühgriechischer Zeit des 6. Jahrhunderts vor Christus, etwa der argivische Kuros Kleobis in Delphi, entwickelte sich, vom stets sich freier erlebten Menschenbild griechischer Klassik geprägt, zum frei sich im offenen Raum und der gegenwärtig erfahrenen Zeit Ausdruck gebend, zur ausgreifenden Figur des Diskuswerfers von Myron (um 450 v.Chr.) und des Diadumenos von Periklet.

Anders wandelte sich in Alt-Aegypten die bildnerische Konzeption der hieratischen Menschen von den Stehfiguren der Frühzeit mit ihren, jeden offenen Freiraum vermeidenden, satt angelegten Gliedern, immer entschiedener zurückgenommen aus vergänglicher Zeit und irdischem Raum in die alles geschlossen umfangende Ewigkeit des Göttlichen: sichtbar in einem Würfelhocker wie dieser grossartige Bek-en-Chons. Mich freute, dass sich Albert Schilling im Frühjahr 1962 einer meiner schon mehrmals durchgeführten Studien-Reisen nach Aegypten anschloss. Später sind so auch der Maler Ferdinand Gehr und ein andermal der Dadaist, Plastiker und Dichter Jean Arp mitgekommen. Ihre Augen und ihre persönliche künstlerische Formkraft haben mich manches Bekannte in Gesprächen vertieft und neu sehen lassen.

Die Fahrt unserer kleinen Studiengruppe führte von Kairo, Gizeh und Memphis den Nil hoch zu den Tempeln und Gräbern wie Dendera, Luxor, Kom Ombo, Edfu, Assuan bis nach Abu Simbel. Im Steinbruch von Assuan etwa diskutierten wir, insbesondere vor dem unvollendet liegen gebliebenen Obelisken, die verschiedenen Möglichkeiten der Freilegung und Bearbeitung des harten Urgesteins und die trotz verschiedenster Theorien noch immer nicht ganz geklärten Meissel- und Transport-Methoden.

Ein Ereignis im Umkreis von Assuan bleibt mir besonders lebhaft in Erinnerung. Mit der Schilling-Gruppe unternahm ich einen sonst nicht üblichen Ausflug zu jenem alten Ruinenkomplex in der südwestlichen Wüste, das dem frühchristlichen aegyptischen Eremiten Simeon zubenannte Kloster aus dem 8. Jahrhundert. Ich wollte insbesondere dem Bildhauer-Theologen ein faszinierendes Symbolzeichen zeigen.

Mit Schilling stiegen wir hinab in die kleine überwölbte Mönchzelle, wo ich seine langsam dem Dämmer sich anpassenden Augen auf das Dreiecks-Zeichen hoch an der alten Kalkwand lenkte. Schilling stand tief betroffen schweigend davor. Dann sagte er leise: „So klar und eindeutig ist mir das Zeichen der Drei-Einigkeit nie begegnet. Hier ist das Geheimnis der Drei-Faltigkeit wortlos bildhaft geworden." Ein Wüstenmönch muss es in einer Innen-Schau gesehen und betend handgross an die Wand seiner Zelle gepinselt haben zur bleibenden, unfasslich Göttliches erfahrenden Meditation.

Schilling hat das Dreieckssymbol dann still in sein Skizzenbuch eingezeichnet, mehrmals ansetzend, weil es ihm auf ersten Anhieb gar nicht gelingen wollte.

Heimgekehrt hat er später dieses vom frühchristlichen Mönch gemalte Zeichen mehrmals in die tastbare Körperform eines Reliefs eingestaltet. Einem fast zwei Tonnen schweren Kalkblock zur Erinnerung an seinen Freund, den ersten Pfarrer der Basler Bruderholzpfarrei Robert Lang (1961-1976), eingemeisselt, bleibt dieses, wie es Schilling genannt hat „wesentlichste Symbol der Trinität" im wechselnden Tageslicht auf dem Platz vor der Kirche dauernd allen Kirchgängern zur Betrachtung sichtbar.

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