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Erinnerungen
an Albert Schilling
Erinnerungen an Albert Schilling
von Catherine Chrétien
Bildhauerin, Berlin
Als Albert Schilling bei meinen Eltern
Fotografien meiner ersten Bildhauerarbeiten sah, bot er mir an, ihm bei dem
Innenausbau der Kapelle im Bruderholzspital zu assistieren. So bekam ich
einen guten Einblick in den Alltag eines Bildhauers. Schilling erklärte mir
jede Handbewegung und alle Entscheidungen die er traf. Er ließ mich tüchtig
mitwerken und wo er hinging, nahm er mich möglichst mit. Wenn nicht, blieb
ich in seinem Atelier und arbeitete an einer eigenen Arbeit, die er mir
aufgab. Einmal musste ich seine in Gips abgeformte Hand in Ton
nachmodellieren. Wie ihm seinerzeit Gustav Seitz in Berlin, bewies Schilling
mir anhand eines Fadens, den er kreuz und quer über die Hand legte, wie
unendlich reich oder wie unendlich einfach die Natur geschaffen ist. Ich
lernte sehen, wie an einem natürlichen Körper die verschiedenen Flächen
jeweils an einer Stelle nahtlos ineinander übergehen, da ist die Natur
einfach. Und wie ansonsten sich die unterschiedlichen Flächen kantig
voneinander absetzen, da ist die Natur reich und kompliziert. Im gemeinsamen
Arbeiten zeigte mir Schilling das Umsetzen von Projekten, auch lernte ich
weitere Materialien und Techniken kennen.
Bald kam es vor, dass ich zusammen mit der
Familie Schilling am gedeckten Mittagstisch saß. Ich liebte es während des
Schmausens den originellen Erzählungen von Frau Agnes Schilling zu lauschen.
Besonders schön war es, wenn sich Tochter Roswita mit Baby Romana
dazugesellte.
Nach ein paar Monaten Arbeit wagte ich die
Aufnahmeprüfung an der Hochschule für bildende Künste in Berlin. Ein halbes
Jahr später sollte ich im gleichen Raum (!) wie damals Albert Schilling mein
Studium bei Professor Bernhard Heiliger beginnen. Wenige Jahre nach
bestandener Meisterschüler-Prüfung übertrug mir Albert Schilling mit den
Worten "ich kenne niemanden, der es besser kann als du" seinen Auftrag für
einen Tabernakel in der Krypta des Doms zu Arlesheim. Es gab eine lange
Diskussion über meinen skizzierten Vorschlag, der Schilling zu anspruchsvoll
schien. Daraufhin fertigte ich ein Modell in Gips. Albert Schilling konnte
es leider nicht mehr sehen. Pfarrer Josef Schwegler nahm das Modell
begeistert auf und setzte sich mit Engelsgeduld für die Durchsetzung bei der
Kirchgemeinde ein. In der Domkrypta dienen und begegnen sich Albert
Schillings und meine Arbeit. Meine Empfindung: Glück und Dankbarkeit.
In seinen Arbeiten setzte Albert Schilling
meist Gegensätze in Beziehung zueinander: Unbehauene, raue Steinflächen zu
geschliffenen, polierten, runde Formen zu eckigen, konkave zu konvexen. In
den späten Werken entstanden so an den tiefsten Berührungspunkten
Durchbrüche. Einmal sagte Schilling:
„Es geht mir immer mehr um's Sein...". Diese
Worte berührten mich tief, ohne dass ich sie verstand. Zum Dank an Albert
Schilling möchte ich ihm folgende Zeilen widmen:
Die Liebe kennt keinen Gegensatz und ist
unendlich. Sie durchdringt alles was ist, denn sie selbst ist das IST,
zusammen mit dem Glück, der Freude, dem Frieden. Unser Geist kann dies
leugnen und die Liebe als begrenzt sehen, indem er einen Gegensatz schafft
und indem er sich mit diesem Gegensatz identifiziert, wird dieser scheinbar
wirklich und wir fangen an zu leiden. Mit dem Zurückfinden in den
gegenwärtigen Augenblick, wo wir alles annehmen, was da ist, können wir ins
einfache Sein zurückfinden, wo wir von der immer gegenwärtigen Liebe
durchdrungen und geheilt werden. |