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Erinnerungen
an Albert Schilling
Erinnerungen an einen grossen Bildhauer,
oder wie ich mit Albert Schilling bekannt wurde!
Von Bruno Leuthold
Schmied, Alt-Regierungsrat Stans NW
In seiner Dankesadresse am Schluss des
Bandes 8 über Sakrale Kunst, herausgegeben von der Schweiz.
Lukasgesellschaft anno 1966, also vor bald vierzig Jahren würdigte Albert
Schilling die Zusammenarbeit mit verschiedenen Leuten und schreibt u.a.:
" ... dann dem Schmiedemeister Bruno
Leuthold in Stans, in dessen Schmiede wir nach Feierabend manche Stunde
zusammen gearbeitet haben".
Schon damals war ich freudig überrascht und
erstaunt über diese Aufmerksamkeit, konnte ich doch nicht ahnen, im Umfeld
seines grossartigen Wirkens einen solchen Platz eingenommen zu haben.
Ähnliche Gefühle hege ich auch heute wieder bei der Anfrage seiner Tochter
Roswita, mich im Rahmen dieser Publikation über meine Beziehung zu diesem
grossen Meister zu äussern.
Unsere ersten Begegnungen liegen wohl über
sechzig Jahre zurück. Als 16-jähriger trat ich 1939 bei meinem Vater in die
Schmiede- und Schlosserlehre ein. Also im selben Jahr, als Albert Schilling
sein Atelier in Stans bezog.
Schon bald entdeckte Schilling die
altvertraute Schmiede am Dorfbach in der Schmiedgasse in Stans. An diesem
heimeligen Ort wurde schon seit Generationen geschmiedet, Pferde und Wagen
beschlagen. Die Werkstatt und das dazugehörende Haus "Waltersbergli", das
nach neuesten Erkenntnissen um 1380 (!) erbaut worden ist, hatten es
offensichtlich Albert Schilling angetan. Er spürte bald, hier wird das
althergebrachte Handwerk noch gelebt und praktiziert. Mein Vater, der noch
mit 80 Jahren am Ambos stand, war ein wahrer Meister im Bereitstellen
verschiedenster Werkzeuge für die Holz- und Steinbearbeitung. Besonders die
Technik des "Härtens" - ein Verfahren, dem Stahl die nötige Zähigkeit und
Härte zu verleihen - beherrschte er perfekt. So verliessen eine Unzahl von
Spitzeisen und Steinmeissel unsere Schmiede, um im Schilling-Atelier beim
Abbau eines Steinblockes von Hand - Kompressoren kannte man damals noch kaum
- zum Einsatz zu kommen.
Als jugendlicher, begieriger Stift,
verfolgte ich diese Phase mit grösster Aufmerksamkeit, was dem Bildhauer
aufgefallen sein muss. Die Künstlerpersönlichkeit Albert Schilling, seine
bescheidene, jedoch aber überzeugende Art im Umgang mit den Mitmenschen und
seine grosse Ausstrahlung faszinierten mich zunehmend. Ich - der ich mich
bis anhin kaum mit Kunst oder gar der Bildhauerei befasst hatte - begann zu
erfassen, hier einem aussergewöhnlichen Menschen gegenüber zu stehen.
Umgekehrt konnte einem nicht entgehen, wie sehr er sich um diesen, ihm
bisher wenig bekannten Werkstoff - dem Schmiedeeisen - zu interessieren
begann.
Es folgten Besuche in seinem Atelier an der
Mürgstrasse, gut einen Steinwurf entfernt von der Schmiede. Diese
Begegnungen weckten in mir das Verlangen, mich selber in vermehrten Masse,
dem gestalterischen Werken zuzuwenden. Die wachsende, gegenseitige
Übereinstimmung und Sympathie zwischen uns zweien war die logische Folge
dieser Entwicklung. Schliesslich kamen wir überein, uns nach Feierabend -
frei von jeglichen äusseren Störungen - gemeinsam dem schöpferischen
Gestalten am Ambos zu widmen. Diese abendlichen Stunden zählen zu den
kreativsten und schönsten in meiner beruflichen Laufbahn. Schilling hatte
mir die Augen geöffnet.
Sein Einfluss auf mein künftiges Schaffen
war von nachhaltiger Wirkung. Beim nächtlichen Werken gestand er mir, dass
der Umgang mit dem glühenden Eisen für ihn eine völlig neue Erfahrung
bedeutete. Bei der Steinbearbeitung lässt man sich Zeit, schmieden dagegen
ist nur möglich, solange das Eisen wirklich glüht. Dies erfordert eine
äusserste Konzentration und dementsprechend rasche Arbeitsweise, was er
anfänglich als schrecklich aufregend empfand. Ich war, zusammen mit neun
Geschwistern, ein Spross einer typischen Handwerker-Familie. Er, der
Akademiker und Künstler, stammte gleichsam aus einer anderen Welt. Und
trotzdem fanden wir uns ausgezeichnet zusammen, was auch angesichts des
Altersunterschiedes von 20 Jahren keine Selbstverständlichkeit war.
Aus dieser glücklichen Verbindung ergab sich
eine äusserst fruchtbare Zusammenarbeit. Es entstanden Werke, auf die ich
heute noch stolz bin, vorab im kirchlichen Bereich. Ich denke da vor allem
an die verschiedenen Kruzifixe, Tabernakel, Leuchter, Brunnen, Figuren usw.
Dabei suchten und versuchten wir immer wieder nach neuen
Materialverbindungen, neuen Formen und Techniken. So z.B. in der Kirche St.
Michael in Basel. Die geschmiedeten und geformten Eisenprofile wurden im
glühenden Zustande gekerbt, die so entstandenen Rillen mit geschmolzenem
Messing ausgegossen und geglättet. Das Resultat verblüffte und dessen
Wirkung lässt sich mit derjenigen von Intarsien vergleichen.
Albert Schilling öffnete mir auch den Zugang
zu andern, ihm nahestehenden Künstlern wie Xaver Ruckstuhl, Toni Flüeler,
Paul Stöckli, Hugo Imfeld, usf.
Nach Schillings Wegzug von Stans nach
Arlesheim im Jahre 1946, dauerte dieses wunderbare Zusammenspiel vorerst
noch an. Mit der Zeit jedoch wurden die Kontakte spärlicher, erfuhren jedoch
eine mir liebgewordene Vertiefung. 1946 bis 1948 absolvierte ich die
Schweiz. Schlosserfachschule in Basel. Während dieser Zeit luden mich die
Schillings regelmässig zu einem Besuch in ihr Künstlerheim am Homburgweg
ein. Ab und zu versuchten wir uns gar im Blockflöten- und Gitarren-Spiel.
Mit einer gewissen Wehmut über die Vergänglichkeit von Allem, was uns lieb
und teuer ist, erinnere ich mich gut und gern an diese kostbaren Stunden in
diesem harmonischen Kreise.
Vor mir an der Wand hängt ein Relief in
Engl. Zement. Es stellt die HI. Cäcilia an der Orgel dar. Es dürfte sich um
den Entwurf zu einer Medaille handeln. Auf der Rückseite findet sich die
Widmung:
"Herr Bruno Leuthold sehr herzlich
zugeeignet 29.1.58. Albert Schilling"
So werde ich dauernd an diese herausragende
Persönlichkeit, an den Freund und Künstler erinnert, der mir so viel gegeben
hat. |