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Erinnerungen
an Albert Schilling
Alles wirkliche Leben
Ist Begegnung (Martin Buber)
Lieber Albert
von Gretel Leonhardt, Basel
Lieber Albert, die erste Begegnung mit Dir
hatte ich als junge Frau. Ich durfte für meinen Freund bei Dir im Atelier in
Arlesheim ein Kreuz aussuchen. Nie zuvor hatte ich in meinem jungen Leben
die Arbeitsräume eines Bildhauers betreten. Dieser erste Besuch hat in mir
einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen. Entgegenkommend warst Du,
offen, sanft lächelnd, bedächtig und sehr präsent wirktest Du auf mich.
Viele imponierende Statuen, grosse unbehauene Steinblöcke, Bronzeköpfe und
Kleinplastiken, noch feuchte Lehmarbeiten, mit denen Du gerade beschäftigt
warst, standen in Deinem lichtdurchfluteten Atelier. Du freutest Dich über
mein Staunen und Fragen und liessest Dich gerne in ein Gespräch ein. Ich
lernte durch Dich, eine Plastik nicht nur frontal sondern von allen Seiten
zu betrachten, den Stein zu ertasten und zu erfühlen, zu erfahren, was
räumliche Dimensionen sind. Im Hintergrund knisterte das wärmende Feuer in
Deinem grossen offenen Kamin und oft erklang klassische Musik im Raum.
Zu den Höhepunkten der zahlreichen
Begegnungen während unserer jahrzehntelangen Freundschaft gehörte es, Dir,
Deiner mir liebgewordenen Agnes und Deinen drei Töchtern auf der intimen,
persönlich ausgestatteten Galerie Deines Ateliers gegenüberzusitzen. Du
warst ein Meister im Zuhören, konntest Wichtiges von Unwichtigem
unterscheiden und stelltest klare Fragen. Du liessest mich teilhaben an
Deiner eigenen Suche nach dem Wesentlichen im menschlichen Leben. Dafür,
lieber Albert, bin ich Dir zeitlebens dankbar!
Als ich einmal als junge Mutter mehrerer
Kleinkinder Dich als klugen, erfahrenen Vater und sensiblen Künstler um
Erziehungsprinzipien und Rat bat, hast Du überhaupt nicht auf meine mir so
dringlich erschienenen Fragen geantwortet, sondern verschmitzt lächelnd mit
einer grossen gütigen Ausstrahlung gesagt: „Wenn ich etwas in meinen Leben
anders machen würde, so wäre es, mehr menschliche Beziehungen und
Freundschaften zu pflegen und mir mehr Zeit dafür zu nehmen bei Brot, Käse
und einem guten Glas Wein.“
DANKE
Deine Gretel |