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Erinnerungen
an Albert Schilling
Albert Schilling
Wegweiser und Freund
Von Arnold Hottinger
Madrid
Meine Erinnerungen an Albert Schilling gehen
auf meine Primarschulzeit zurück. Die erste Eisenbahnreise, die ich alleine,
ohne Begleitung Erwachsener, unternehmen durfte, ging von von Basel nach
Zürich, wo Agnes und Albert Schilling nach ihrer Heirat wohnten und ich sie
besuchen durfte. Mit Agnes war ich seit früher Kindheit eng vertraut, weil
sie lange Zeit im Haus meiner Grosseltern in Deutschland gearbeitet hatte
und ich in ihrer Obhut teilweise aufgewachsen war. Sie kam mich am Bahnhof
abholen, nachdem meine Mutter mich in Basel in den Wagen gesetzt hatte. Ich
war vielleicht eine Woche lang Gast in der kleinen Stadtwohung der
Schillings und bekam damals zum ersten Mal in meinem Leben das Atelier eines
Künstlers zu Gesicht. Was dort genau geschah, vermochte ich nicht wirklich
zu ermessen. Albert schlug aus Steinen Figuren. Einmal war ich dabei als ein
sehr grosser und schwerer Stein ins Atelier transportiert wurde. Agnes hatte
mich gewarnt: «Wenn die Männer so schwer arbeiten müssen, wie das bei einem
solchen Transport der Fall ist, werden sie manchmal unwirsch und ungeduldig.
Du darfst zusehen, aber du musst darauf achten, ihnen nicht in die Quere zu
kommen.»
Das begriff ich gut. Ich war sehr darauf
bedacht, niemandem in den Weg zu kommen und sah mit Staunen zu, wie der über
mannshohe Granitblock ausgeladen und auf einer Stahlplatte mit Rädern ins
Atelier transportiert wurde. Albert und drei weitere Männer konzentrierten
sich ganz auf die schwere Arbeit. Schon damals wurde ich gewahr, das Albert
ein ganz besonderes Verhältnis zum Stein als solchem besass. Er schien sich
auf den bevorstehenden Kampf mit dem Block zu freuen, dem er in langer
physischer Arbeit die Form abzuringen gedachte, welche ihm vorschwebte. Ich
begriff auch, dass er diese zuerst in Ton und in Wachs in verschiedenen
Fassungen ausgearbeitet hatte. Die Tonmodelle, so lernte ich, mussten mit
feuchten Tüchern bedeckt werden, um plastisch und damit bearbeitbar zu
bleiben. Und ich sah die verschiebbaren Eisenstangen, die dazu dienten, die
ersten groben Umrisse des Modells auf den Stein zu übertragen. Die
eigentliche Feinarbeit, so wurde mir klar, würde dann später direkt auf dem
Stein erfolgen. Der grosse Steinblock war spürbar für den Bildhauer eine
Befriedigung und eine Herausforderung; mit ihm würde er sich messen und ihm
gegenüber behaupten. Doch es war nicht ein Kampf, mehr ein Eingehen auf den
Stein, seine Form, Oberfläche und Kornstruktur. Er wollte aus ihm
herausholen, was darin steckte und was er darin zu finden verstand:
Schwerarbeit schon, aber auch Umwerbung des Steins. Ich hätte es damals wohl
nicht so ausdrücken können. Doch erinnere ich mich sehr genau an die
Entdeckung der handwerklichen Dimension, die in der Bildhauerei steckte und
an der Albert offensichtlich sehr viel lag.
Von dem Besuch ist mir weiter in Erinnerung
geblieben, dass ich als baby sitter dienen durfte. Ich war stolz darauf,
diese Vertrauensaufgabe zu erhalten. Seit der Geburt der kleinen Eva habe
Agnes nie mehr Gelegenheit gehabt, mit ihrem Mann auszugehen, weil sie die
Kleine nicht allein lassen wollte, erzählte sie mir. Und sie meinte, ich
könnte doch einen Abend lang, nachdem sie sie schlafen gelegt hätte, auf das
kleine Kind aufpassen. Das geschah dann auch. Ich erhielt eine
Telephonnummer, um im Notfall Alarm zu geben. Doch das war nicht nötig, zu
meiner Erleichterung schlief das kleine Geschöpf durch, bis die beiden nach
Hause kamen.
Später bauten die Schillings ein Haus in der
Nähe von Basel, in Arlesheim, und rückten dadurch in unsere Nähe. Das gab
Anlass zu vielen Besuchen «auf dem Land», denn es gab dort offene Wesen und
einen grossen Garten mit einem Kirschbaum, auf den wir steigen durften, wenn
die Früchte reif wurden. Agnes hatte fast immer einen Kuchen gebacken, wenn
wir zu Besuch kamen, und es gab einen nahrhaften Nachmittagsschmaus für ihre
eigenen drei Töchter und uns drei allmählich aufwachsende Kinder. Dabei war
viel von alten Familienerinnerungen die Rede. Doch zu jedem Besuch gehörte
auch das Atelier, und Albert zeigte gern die Arbeiten, die ihn gerade
beschäftigten. Er erklärte, was ihn daran interessiere, er gab einen
mündlichen und persönlichen Kommentar zu dem, was man zu sehen bekam, der
einer Einführung in die bildende Kunst von der praktischen, handwerklichen
Seite her glich, wobei aber doch das geistige Anliegen immer durch blickte.
Ich kam in ein Alter, in dem Kunst mich zu interessieren begann. Vor allem
war es die Literatur; doch gerade Albert half mir zu begreifen, dass die
Künste, solche des Wortes und solche des Pinsels und des Meissels
gemeinsamen Anliegen nachgingen. Es ging immer um das, was abstrahierende
und rationale Begriffe letzten Endes nicht fassen konnten. Dies hatten die
Künste mit den Religionen gemeinsam, so schien mir. Albert wusste viel von
beiden, wenn er gleich nicht immer alles besprach, was er darüber dachte und
empfand. Das war ja gerade das Besondere an aller wahren Kunst, dass sie
nicht oder allerhöchstens ganz approximativ in Worte zu fassen und
begrifflich umschreibbar war. Sogar wenn ihre Werke als Studienobjekte
dienten. Und war es anders mit den Religionen? Sie brauchten Parabeln,
Mythen, Geschichten um sicht- und greifbar zu werden. Die Wahrheit von
beiden hatte wenig mit dem wissenschaftlichen Wahrheitsbegriff des laufenden
Jahrhunderts zu tun, der auf Errechenbarkeit und Wiederholbarkeit beruhte.
All dies kam mehr zur Anschauung als zur Sprache; doch gerade die Anschauung
half, die rationale, «faktische» Ebene, in der wir uns in der Schule und
später im Studium bewegten, als die bloss eine Seite des «Existenziellen» zu
fassen, von dem man damals gern sprach. War sie letztlich nicht die
eigentlich weniger wichtige? Trotz ihrem grossen Gewicht in unserem
täglichen Leben? Mit Albert zusammenzukommen, war für mich oft ein Schritt
hinaus aus dem Tagesleben, eben ins Atelier, wo eine Suche stattfand und
gelebt wurde, die nach Anderem Ausschau hielt als den Tagessorgen und
Tageserfolgen.
Vom Atelier her trug Albert seine
künstlerischen Anliegen und Fragestellungen auch in den Wohnraum zu seiner
Familie und seinen Gästen. Nicht dass er beständig darüber geredet hätte. Er
konnte auch sehr gut zuhören. Doch seine Präsenz liess verspüren, dass man
vor jemandem stand, der sich in beiden Sphären bewegte, auf beiden «Hängen»
(vertiente) sagt das Spanische, wie ich damals lernen sollte, auf dem
praktisch handwerklichen einerseits und dem suchenden, strebenden,
ek-sistenziellen, das hiess, dem sich aussetzenden, hingebenden,
«Gegenhang». Beide kamen sie, wenn das Glück hielt, irgendwo auf den Höhen
zusammen. Das gab dann «eine Skulptur».
Ich war inzwischen dem Gymnasium entwachsen
und eher zögernd und ungewiss über das Weitere ins erste Semester gelangt.
Der Krieg war soeben vorbei, und ich war aufgeboten, im Sommer die erste
Nachkriegs-Rekrutenschule zu absolvieren. Meine Familie befand sich in
Sommerferien, ich war alleine mit meinen Büchern zuhause geblieben, um den
Termin des Aufgebots abzuwarten. Wie es damals Vorschrift war, hatte ich
mich zum Coiffeur begeben, um mein Haar ganz kurz scheren zu lassen. Agnes
Schilling lud mich zum Essen ein, und als wir uns in Arlesheim an den Tisch
setzten, schaute Albert immer wieder auf meinen nackten Kopf. So intensiv,
dass ich verlegen wurde. Er entschuldigte sich und erklärte mir, dass er
fast nie eine Kopfform sehe, so wie sie eigentlich sei. Immer sei sie von
Haaren und Locken verkleidet. Darum interessiere ihn mein geschorener Kopf.
Es gehe ihm um die echte Form des soliden Schädels. Meine Verlegenheit wich
der Befriedigung darüber, dass mein haarloser Kopf, wenn nicht mir so doch
dem Künstler, nützlich sein konnte.
Jahre vergingen bis ich Albert einen anderen
Dienst erweisen durfte. Dem Korrespondenten im Nahen Osten, der von Beirut
aus die Szene verfolgte, war die Palästinafrage mit all ihren Polemiken und
Härten zum täglichen Brot geworden. In der Schweiz rückte sie mehr ins
Bewusstsein der Menschen, als die Palästinenser Ende 1965 begannen, einen
Volkswiderstand gegen Israel auszulösen, weil sie nicht länger bloss
«Flüchtlinge» sein wollten sondern als ein vertriebenes, um seine Rechte
kämpfendes Volk anerkannt. Ich hatte beständig darüber zu berichten und mich
mit den neuen Entwicklungen auseinander zu setzen. Der Sechstagekrieg von
1967 ging über die Bühne, und Israel besetzte grosse Gebiete, die bisher
arabische Länder gewesen waren. Der Widerstand wuchs an, und die
palästinensischen Thesen fanden ein Echo in bestimmten Kreisen auch in der
Schweiz, wo früher kaum je Kritik an Israel geübt worden war. Zuerst
begannen die linksgerichteten Intellektuellen, die damals auch mit
Bewunderung auf die Guerrilla im Vietnam-Krieg schauten, mit dem
palästinensischen «Volkswiderstand» zu sympathisieren. Albert wollte wissen,
was davon zu halten wäre. Wie beinahe alle Schweizer hatte er im
Sechstagekrieg für die Israeli gebangt und war sehr erleichtert gewesen, als
die Gefahr sich in einen blendenden Sieg verwandelte. Nun aber wollte er
wissen, ob er sich damals getäuscht habe. - Waren die Israeli gar nicht die
Opfer, sondern die Palästinenser, wie es die neue Sichtweise wollte? - Er
kam und besuchte das Haus meiner Mutter, als ich vorübergehend dort weilte.
Um meine Meinung darüber zu hören. Sein hellhöriges Gewissen brachte die
Frage auf. Ich konnte ihm alle Argumente und Gegenargumente der beiden
Seiten zitieren. Schon damals war mir klar, dass Unrecht auf beiden Seiten
vorlag. Die Vertreibung der Israeli aus ihrem neuen Staat würde nur weiteres
Unrecht bringen, so sagte ich Albert. Doch mir schien auch evident, dass die
Israeli die eroberten Gebiete gegen Frieden wieder herausgeben sollten. Dass
sie das schliesslich tun würden, konnte man damals noch glauben. Doch diese
Annahme erwies sich später als falsch. Die unaufhaltsam wachsende Zahl der
Siedler bewies über die folgenden 35 Jahre hinweg immer deutlicher, dass es
mächtige Kräfte im israelischen Staate gab, die darauf ausgingen, das
eroberte Land, soweit es nur gehe, unter israelischer Kontrolle zu halten.
Damals schien es noch eine Möglichkeit von «Land gegen Frieden» zu geben,
wie sie die Nachkriegsresolution 242 der Uno schon am 22. November 1967
vorzeichnete. Das alles konnte ich in einem längeren Gespräch Albert
erklären, und er war sichtlich erleichtert und froh über die denkbaren
Versöhnungsmöglichkeiten und Friedensaussichten. - Die freilich viel später,
als er schon nicht mehr auf Erden weilte, bitter zugrunde gingen.
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