Albert Schilling (1904-1987)

 

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Aktualisiert am
26.04.2004 von
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 Erinnerungen an Albert Schilling

Albert Schilling
Wegweiser und Freund

Von Arnold Hottinger
Madrid

Meine Erinnerungen an Albert Schilling gehen auf meine Primarschulzeit zurück. Die erste Eisenbahnreise, die ich alleine, ohne Begleitung Erwachsener, unternehmen durfte, ging von von Basel nach Zürich, wo Agnes und Albert Schilling nach ihrer Heirat wohnten und ich sie besuchen durfte. Mit Agnes war ich seit früher Kindheit eng vertraut, weil sie lange Zeit im Haus meiner Grosseltern in Deutschland gearbeitet hatte und ich in ihrer Obhut teilweise aufgewachsen war. Sie kam mich am Bahnhof abholen, nachdem meine Mutter mich in Basel in den Wagen gesetzt hatte. Ich war vielleicht eine Woche lang Gast in der kleinen Stadtwohung der Schillings und bekam damals zum ersten Mal in meinem Leben das Atelier eines Künstlers zu Gesicht. Was dort genau geschah, vermochte ich nicht wirklich zu ermessen. Albert schlug aus Steinen Figuren. Einmal war ich dabei als ein sehr grosser und schwerer Stein ins Atelier transportiert wurde. Agnes hatte mich gewarnt: «Wenn die Männer so schwer arbeiten müssen, wie das bei einem solchen Transport der Fall ist, werden sie manchmal unwirsch und ungeduldig. Du darfst zusehen, aber du musst darauf achten, ihnen nicht in die Quere zu kommen.»

Das begriff ich gut. Ich war sehr darauf bedacht, niemandem in den Weg zu kommen und sah mit Staunen zu, wie der über mannshohe Granitblock ausgeladen und auf einer Stahlplatte mit Rädern ins Atelier transportiert wurde. Albert und drei weitere Männer konzentrierten sich ganz auf die schwere Arbeit. Schon damals wurde ich gewahr, das Albert ein ganz besonderes Verhältnis zum Stein als solchem besass. Er schien sich auf den bevorstehenden Kampf mit dem Block zu freuen, dem er in langer physischer Arbeit die Form abzuringen gedachte, welche ihm vorschwebte. Ich begriff auch, dass er diese zuerst in Ton und in Wachs in verschiedenen Fassungen ausgearbeitet hatte. Die Tonmodelle, so lernte ich, mussten mit feuchten Tüchern bedeckt werden, um plastisch und damit bearbeitbar zu bleiben. Und ich sah die verschiebbaren Eisenstangen, die dazu dienten, die ersten groben Umrisse des Modells auf den Stein zu übertragen. Die eigentliche Feinarbeit, so wurde mir klar, würde dann später direkt auf dem Stein erfolgen. Der grosse Steinblock war spürbar für den Bildhauer eine Befriedigung und eine Herausforderung; mit ihm würde er sich messen und ihm gegenüber behaupten. Doch es war nicht ein Kampf, mehr ein Eingehen auf den Stein, seine Form, Oberfläche und Kornstruktur. Er wollte aus ihm herausholen, was darin steckte und was er darin zu finden verstand: Schwerarbeit schon, aber auch Umwerbung des Steins. Ich hätte es damals wohl nicht so ausdrücken können. Doch erinnere ich mich sehr genau an die Entdeckung der handwerklichen Dimension, die in der Bildhauerei steckte und an der Albert offensichtlich sehr viel lag.

Von dem Besuch ist mir weiter in Erinnerung geblieben, dass ich als baby sitter dienen durfte. Ich war stolz darauf, diese Vertrauensaufgabe zu erhalten. Seit der Geburt der kleinen Eva habe Agnes nie mehr Gelegenheit gehabt, mit ihrem Mann auszugehen, weil sie die Kleine nicht allein lassen wollte, erzählte sie mir. Und sie meinte, ich könnte doch einen Abend lang, nachdem sie sie schlafen gelegt hätte, auf das kleine Kind aufpassen. Das geschah dann auch. Ich erhielt eine Telephonnummer, um im Notfall Alarm zu geben. Doch das war nicht nötig, zu meiner Erleichterung schlief das kleine Geschöpf durch, bis die beiden nach Hause kamen.

Später bauten die Schillings ein Haus in der Nähe von Basel, in Arlesheim, und rückten dadurch in unsere Nähe. Das gab Anlass zu vielen Besuchen «auf dem Land», denn es gab dort offene Wesen und einen grossen Garten mit einem Kirschbaum, auf den wir steigen durften, wenn die Früchte reif wurden. Agnes hatte fast immer einen Kuchen gebacken, wenn wir zu Besuch kamen, und es gab einen nahrhaften Nachmittagsschmaus für ihre eigenen drei Töchter und uns drei allmählich aufwachsende Kinder. Dabei war viel von alten Familienerinnerungen die Rede. Doch zu jedem Besuch gehörte auch das Atelier, und Albert zeigte gern die Arbeiten, die ihn gerade beschäftigten. Er erklärte, was ihn daran interessiere, er gab einen mündlichen und persönlichen Kommentar zu dem, was man zu sehen bekam, der einer Einführung in die bildende Kunst von der praktischen, handwerklichen Seite her glich, wobei aber doch das geistige Anliegen immer durch blickte. Ich kam in ein Alter, in dem Kunst mich zu interessieren begann. Vor allem war es die Literatur; doch gerade Albert half mir zu begreifen, dass die Künste, solche des Wortes und solche des Pinsels und des Meissels gemeinsamen Anliegen nachgingen. Es ging immer um das, was abstrahierende und rationale Begriffe letzten Endes nicht fassen konnten. Dies hatten die Künste mit den Religionen gemeinsam, so schien mir. Albert wusste viel von beiden, wenn er gleich nicht immer alles besprach, was er darüber dachte und empfand. Das war ja gerade das Besondere an aller wahren Kunst, dass sie nicht oder allerhöchstens ganz approximativ in Worte zu fassen und begrifflich umschreibbar war. Sogar wenn ihre Werke als Studienobjekte dienten. Und war es anders mit den Religionen? Sie brauchten Parabeln, Mythen, Geschichten um sicht- und greifbar zu werden. Die Wahrheit von beiden hatte wenig mit dem wissenschaftlichen Wahrheitsbegriff des laufenden Jahrhunderts zu tun, der auf Errechenbarkeit und Wiederholbarkeit beruhte. All dies kam mehr zur Anschauung als zur Sprache; doch gerade die Anschauung half, die rationale, «faktische» Ebene, in der wir uns in der Schule und später im Studium bewegten, als die bloss eine Seite des «Existenziellen» zu fassen, von dem man damals gern sprach. War sie letztlich nicht die eigentlich weniger wichtige? Trotz ihrem grossen Gewicht in unserem täglichen Leben? Mit Albert zusammenzukommen, war für mich oft ein Schritt hinaus aus dem Tagesleben, eben ins Atelier, wo eine Suche stattfand und gelebt wurde, die nach Anderem Ausschau hielt als den Tagessorgen und Tageserfolgen.

Vom Atelier her trug Albert seine künstlerischen Anliegen und Fragestellungen auch in den Wohnraum zu seiner Familie und seinen Gästen. Nicht dass er beständig darüber geredet hätte. Er konnte auch sehr gut zuhören. Doch seine Präsenz liess verspüren, dass man vor jemandem stand, der sich in beiden Sphären bewegte, auf beiden «Hängen» (vertiente) sagt das Spanische, wie ich damals lernen sollte, auf dem praktisch handwerklichen einerseits und dem suchenden, strebenden, ek-sistenziellen, das hiess, dem sich aussetzenden, hingebenden, «Gegenhang». Beide kamen sie, wenn das Glück hielt, irgendwo auf den Höhen zusammen. Das gab dann «eine Skulptur».

Ich war inzwischen dem Gymnasium entwachsen und eher zögernd und ungewiss über das Weitere ins erste Semester gelangt. Der Krieg war soeben vorbei, und ich war aufgeboten, im Sommer die erste Nachkriegs-Rekrutenschule zu absolvieren. Meine Familie befand sich in Sommerferien, ich war alleine mit meinen Büchern zuhause geblieben, um den Termin des Aufgebots abzuwarten. Wie es damals Vorschrift war, hatte ich mich zum Coiffeur begeben, um mein Haar ganz kurz scheren zu lassen. Agnes Schilling lud mich zum Essen ein, und als wir uns in Arlesheim an den Tisch setzten, schaute Albert immer wieder auf meinen nackten Kopf. So intensiv, dass ich verlegen wurde. Er entschuldigte sich und erklärte mir, dass er fast nie eine Kopfform sehe, so wie sie eigentlich sei. Immer sei sie von Haaren und Locken verkleidet. Darum interessiere ihn mein geschorener Kopf. Es gehe ihm um die echte Form des soliden Schädels. Meine Verlegenheit wich der Befriedigung darüber, dass mein haarloser Kopf, wenn nicht mir so doch dem Künstler, nützlich sein konnte.

Jahre vergingen bis ich Albert einen anderen Dienst erweisen durfte. Dem Korrespondenten im Nahen Osten, der von Beirut aus die Szene verfolgte, war die Palästinafrage mit all ihren Polemiken und Härten zum täglichen Brot geworden. In der Schweiz rückte sie mehr ins Bewusstsein der Menschen, als die Palästinenser Ende 1965 begannen, einen Volkswiderstand gegen Israel auszulösen, weil sie nicht länger bloss «Flüchtlinge» sein wollten sondern als ein vertriebenes, um seine Rechte kämpfendes Volk anerkannt. Ich hatte beständig darüber zu berichten und mich mit den neuen Entwicklungen auseinander zu setzen. Der Sechstagekrieg von 1967 ging über die Bühne, und Israel besetzte grosse Gebiete, die bisher arabische Länder gewesen waren. Der Widerstand wuchs an, und die palästinensischen Thesen fanden ein Echo in bestimmten Kreisen auch in der Schweiz, wo früher kaum je Kritik an Israel geübt worden war. Zuerst begannen die linksgerichteten Intellektuellen, die damals auch mit Bewunderung auf die Guerrilla im Vietnam-Krieg schauten, mit dem palästinensischen «Volkswiderstand» zu sympathisieren. Albert wollte wissen, was davon zu halten wäre. Wie beinahe alle Schweizer hatte er im Sechstagekrieg für die Israeli gebangt und war sehr erleichtert gewesen, als die Gefahr sich in einen blendenden Sieg verwandelte. Nun aber wollte er wissen, ob er sich damals getäuscht habe. - Waren die Israeli gar nicht die Opfer, sondern die Palästinenser, wie es die neue Sichtweise wollte? - Er kam und besuchte das Haus meiner Mutter, als ich vorübergehend dort weilte. Um meine Meinung darüber zu hören. Sein hellhöriges Gewissen brachte die Frage auf. Ich konnte ihm alle Argumente und Gegenargumente der beiden Seiten zitieren. Schon damals war mir klar, dass Unrecht auf beiden Seiten vorlag. Die Vertreibung der Israeli aus ihrem neuen Staat würde nur weiteres Unrecht bringen, so sagte ich Albert. Doch mir schien auch evident, dass die Israeli die eroberten Gebiete gegen Frieden wieder herausgeben sollten. Dass sie das schliesslich tun würden, konnte man damals noch glauben. Doch diese Annahme erwies sich später als falsch. Die unaufhaltsam wachsende Zahl der Siedler bewies über die folgenden 35 Jahre hinweg immer deutlicher, dass es mächtige Kräfte im israelischen Staate gab, die darauf ausgingen, das eroberte Land, soweit es nur gehe, unter israelischer Kontrolle zu halten. Damals schien es noch eine Möglichkeit von «Land gegen Frieden» zu geben, wie sie die Nachkriegsresolution 242 der Uno schon am 22. November 1967 vorzeichnete. Das alles konnte ich in einem längeren Gespräch Albert erklären, und er war sichtlich erleichtert und froh über die denkbaren Versöhnungsmöglichkeiten und Friedensaussichten. - Die freilich viel später, als er schon nicht mehr auf Erden weilte, bitter zugrunde gingen.

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